Neuer Blick auf Altbekannten

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„Vampir“ (1893)

Frankfurt - Eines vorweg: „Der Schrei“ ist nicht in Frankfurt. Edvard Munchs (1863-1944) wohl berühmtestes Gemälde darf nach den Diebstählen aus dem Munch Museum nicht mehr auf Reisen gehen. Von Carsten Müller

Gleichwohl war das Osloer Museum Hauptleihgeber der Ausstellung „Edvard Munch – Der moderne Blick“, die nach großem Erfolg im Pariser Centre Pompidou in der Kunsthalle Schirn gastiert.

Die Abwesenheit des Schlüsselwerkes ist auch in anderer Hinsicht von Bedeutung, weil der Norweger vor allem durch den „Schrei“ als introvertiert, melancholisch, gar depressiv wahrgenommen wird. Die Schirn zeigt Munch hingegen als Mensch, der seiner Umwelt, besonders aber neuen Medien wie Film und Fotografie gegenüber aufgeschlossen war. Illustriert wird dies anhand von sechzig Gemälden, zwanzig Papierarbeiten, fünfzig Fotografien und vier Filmen des Künstlers, der als Wegbereiter des Expressionismus gilt.

Kronprinzessin Mette-Marit in der Kunsthalle Schirn

Kronprinzessin Mette-Marit in der Kunsthalle Schirn

Einprägsam sind Schwarzweiß-Fotografien, meist Selbstporträts, die Munch Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1930er Jahren in seinem Atelier in Ekely gemacht hat. Es sind lässige Schüsse aus der Hand, die sein Profil abzutasten scheinen. Sie zeigen den Künstler selbstbewusst mit Hut, Brille und leicht emporgerecktem Kinn. Frühe Aufnahmen arbeiten mit Langzeit- und Doppelbelichtungen zeichnerische Aspekte der Fotografie heraus. Solche Effekte finden sich auch in Munchs Malereien, etwa den übereinander gelegten Umrissen der „Frau im Bad“ (1927).

Großes Kino auf der Leinwand: „Galoppierendes Pferd“ (1910-12)

Wie nahe sich Munch und die damals erwachende Filmkunst standen, zeigen Bilder wie „Galoppierendes Pferd“ (1910-12). Es greift auf ein Stereotyp des frühen Kinos zurück, das sein Publikum mit spektakulären Effekten in Angst und Schrecken versetzen wollte. Zeitgenössische Filmausschnitte illustrieren die Ära, als das Kino noch einer Jahrmarktsattraktion glich. Ähnliche Bildinszenierungen finden sich in „Der Mörder in der Allee“ (1919) oder den Theatermalereien für Max Reinhardts Berliner Ibsen-Inszenierung „Gespenster“. Die emotional aufgeladene Atmosphäre des intimen Bühnenraums von „Eifersucht“ (1907) und „Die Mörderin“ (1907) ist geradezu mit Händen zu greifen.

„Vampir im Wald“ (1916-18)

Viele seiner Motive griff Munch immer wieder auf, teils aus finanziellen, teils aus künstlerischen Gründen. „Ich baue ein Bild auf ein anderes“, schrieb der Maler 1933 an Axel Romdahl. Und wie subtil ihm dies gelang, lässt sich in der Schirn nachvollziehen, ebenso seine künstlerische Entwicklung vom pastosen Strich zu aquarelliert wirkenden flächigen Kompositionen, anschaulich im düster-symbolistischen „Vampir“ (1893) und dem aufgelichtet-farbkräftigen „Vampir im Wald“ (1916-18), in „Das kranke Kind“ (1907 und 1925) oder den obsessiven Variationen zu „Die weinende Frau“: Aktmodell Rosa Meissner begegnet dem Betrachter gleich mehrfach, in einer Fotografie aus dem Jahre 1907, in Lithografien von 1930, in einer Kreidezeichnung (1930), in zahlreichen Ölgemälden und in einer der raren Bronze-Skulpturen (1907) des von Rodin Inspirierten.

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Fasziniert war Munch von Licht und Strahlen, denen er in Sonnen- und Sternen-Bildern ebenso nachspürte wie in Grafiken nach einer Augenerkrankung in den 1930er Jahren. Als Chronist setzte er einen Brand („Das Haus brennt!“, 1925-27) ebenso ins Bild wie „Arbeiter im Schnee“ (1910) oder Straßenszenen. Nicht zu vergessen die Selbstbildnisse des Künstlers, der nicht heroisch posierte, sondern eigene Schwäche und Vergänglichkeit offenlegte, Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Edvard Munch zuletzt in Frankfurt zu sehen war. Die Schirn zeigt nun spannende neue Seiten eines Künstlers, der zu Recht als modern bezeichnet werden darf.

„Edvard Munch – Der moderne Blick“ bis 13. Mai in der Schirn Kunsthalle, Römerberg. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10-19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag bis 22 Uhr.

Quelle: op-online.de

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