Kabarettist Ottfried Fischer lässt Sonne scheinen am Höchster Schloss

Neuer Staat und alte Lasten

Der Abend endet mit einem Nachruf. Als letzte Zugabe liest Ottfried Fischer eine Preisrede auf seine verstorbene Schauspielerkollegin Ruth Drexel. Ein humoriger Text, mit Pointe. Doch er trägt ihn nachdenklich vor.

„Wo meine Sonne scheint“ heißt das Programm, mit dem Fischer auf der Schlossterrasse in Höchst bei den vom Neuen Theater ausgerichteten Sommernächten gastierte. Den Titel hat er von einem Caterina-Valente-Schlager von 1957, dem Jahr der Wiederbewaffnung. Fischer ortet darin die „braune Hütte am Meeresstrand“ als Zeichen nationalsozialistischer Altlasten im neuen Staat. Mit kabarettistischer Willkür fahndet er nach Hinweisen auf Kalten Krieg, Korea und Vietnam, schlägt den Bogen zu Heidegger und Bloch.

In Fischers neuer Verordnung schreibt die EU – „Diktatur des Kommissariats“ – angesichts zunehmender Migrantenströme die Verankerung eines Grundrechts auf Heimat in den Verfassungen vor. Er nimmt die Rolle eines parteilosen Mitglieds der vorbereitenden deutschen Heimatschutzkommission ein. Das ist ein Rahmen, in den sich alles packen lässt: Die Deutschen allgemein und ihr Patriotismus besonders. Die Bayern. Die Religion. Und die Volksmusik. Der Experte für originäre heimatliche Ausdrucksformen ist durch seine Erfahrung als Conférencier in Bierzelten qualifiziert. Das erlaubt es, politische Pointen mit schlichten Witzen zu mischen. Schließlich spricht der Schwätzer („Ich bin ein Intellektueller!“) aus seiner Praxis.

Nun ist Fischer, der seiner Parkinsonerkrankung wegen im Sitzen spielt, in jedem Moment ein Souverän der Bühne. Freilich wirkt manche Pointe eher routiniert als spritzig.

Zum Schluss hin, vor der Zugabe, wird’s ernst. Fischer ruft zur „Besinnung auf das Leben nach dem Leben“ auf. „Es ist das Leben der anderen.“ Und er plädiert für eine Bewahrung von Werten in einer im besten Sinne konservativen Manier. Da scheinen das für die Bühne entwickelte Alter Ego und der echte Ottfried Fischer eins. Der Kabarettist wird gleichsam zum Prediger. Pathos ist nicht im Spiel. Es ist sein bester Moment. Ohne Pointe. STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

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