Ein neues Leben in Würde

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Intensive Begegnungen im Kibbuz: Der Dokumentarfilm läuft im Wettbewerb des Lichter-Filmfestes, das zurzeit in Frankfurt über die Leinwände geht.

Frankfurt - Das Kollektiv Docview aus Frankfurt hat einen Film über Holocaust-Überlebende in Israel gedreht. „Erhobenen Hauptes“ erzählt die Geschichte fünf deutscher Juden, die in Israel ein neues Leben begonnen haben. Von Elisa Makowski 

Jetzt wird der Beitrag auf dem Lichter Filmfest in Frankfurt gezeigt. Ma’abarot, ein idyllisches Kibbuz im Norden Israels: Die Sonne scheint, der Mann, der in die Kamera spricht, trägt ein T-Shirt und eine Sonnenbrille. Joav Burstein erzählt von seinen Erfahrungen als Jude in Deutschland: „Wenn wir zu Hause waren und am Fenster standen und die Nazis durchmarschiert sind und gesungen haben: Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut!, das war nicht angenehm.“ Der Mann untertreibt - der Schrecken ist ihm heute, nach mehr als 70 Jahren noch anzusehen: Seine Stimme überschlägt sich, er atmet schwer, die Arme hat er fest vor dem Körper verschränkt.

Die berührende Szene stammt aus dem Film „Erhobenen Hauptes. (Über)Leben im Kibbuz Ma’abarot“ des Frankfurter Filmkollektivs. Docview hat mit fünf deutsch-jüdischen Holocaust-Überlebenden gesprochen. Zvi Cohen, Hanni Aisner, Ora Lahisch, Joav Burstein und Hannah Schalem kamen alle als Jugendliche in das Kibbuz. Auch wenn der Film die Erfahrungen der Juden in Deutschland nicht ausspart - Ausgrenzung, Verfolgung, Konzentrationslager Theresienstadt - der Film fokussiert auf das Überleben nach der Katastrophe. „Wir wollten die Geschichte nach 1945 weitererzählen und die Interviewten nicht mehr nur als Opfer zeigen“, sagt Katharina Rhein (31). Und ihr Kollege Julian Volz (28) ergänzt: „Wir haben das Kibbuz als einen Ort kennengelernt, an dem sich die Überlebenden in Würde ein neues Leben aufbauen konnten.“

Rhein und Volz sind zwei aus dem achtköpfigen Teams von Docview. Alle Mitglieder der Gruppe sind jung und gehen unterschiedlichen Berufen nach. Sie eint das gemeinsame Interesse an der deutschen Geschichte. Keiner von ihnen ist professioneller Filmemacher, alle waren gemeinsam an der Realisierung des Projekts beteiligt. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis: Den Filmemachern gelingt es, eine intensive Nähe zu den Interviewten entstehen zu lassen, die bewegt. Es gibt keinen Erzähler, der Distanz schaffen könnte. Monologe, in denen die Protagonisten ihre persönliche Geschichte erzählen, wechseln sich ab mit Szenen, die das Alltagsleben in einem sozialistischen Kibbuz zeigen.

Dazu gehört das gemeinsame Essen in der Kantine, das tägliche Rundendrehen im Kibbuz-Schwimmbad oder das Musizieren auf dem Keyboard. Trotz allem, was ihnen angetan wurde, strahlen die alten Menschen eine große Zufriedenheit aus. „Ich habe hier all die Jahre glücklich gelebt“, sagt Zvi Cohen. Die Überlebenden, alle zwischen 83 und 91 Jahre alt, sind stolze und aktive Bewohner eines Kibbuz, das noch heute gemeinschaftlich geführt wird. Ma’abarot war und ist mehr als Zufluchtsort, es ist auch eine Utopie des sozialistischen Zusammenlebens. Israel spielte dabei eine besondere Rolle: Es ist das Land, in dem sie ihre Zukunft aufbauen konnten, in dem der zionistische Traum eines eigenen jüdischen Staates wahr wurde. „Wir sind nicht geflohen. Palästina, das war doch unser Land“, sagt Burstein. „Wir sind die letzte Generation, die Überlebende interviewen können“, antwortet Rhein auf die Frage nach der Motivation, „Erhobenen Hauptes“ zu drehen. Burstein ist wenige Monate nach dem Dreh gestorben. Der Film, der jetzt im Langfilm-Wettbewerb des Lichter Filmfestes in Frankfurt zu sehen war, bewahrt die Erinnerung an ihn und seine Lebensgeschichte.

(dpa)

Quelle: op-online.de

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