Neulich in der tiefen Wetterau

Frankfurt - „Neulich war ich im Literaturhaus in Frankfurt.“ So würde Andreas Maier einen Bericht über seine bestens besuchte Lesung beginnen. Kein origineller Einstieg, doch ein vielseitig verwendbarer, wie der soeben bei Suhrkamp erschienene Band „Onkel J. – Heimatkunde“ beweist. Von Markus Terharn

„Neulich“ heißt nämlich Maiers Kolumne in der österreichischen Literaturzeitschrift „Volltext“, die nun als Buch vorliegt. Die Hasstiraden gegen das stinkende Onkel-Ekel verraten als Vorbild die Beschimpfungsprosa Thomas Bernhards, über die Maier promoviert wurde, gemildert durch Selbstironie: Der Ich-Erzähler gesteht, dem Gegenstand seiner Abneigung im „Alter“ immer mehr zu ähneln. Maier ist 42; das kann noch heiter werden!

Das Publikum amüsiert sich prächtig mit Heimatforscher Dr. Maier. Rasch landet der gebürtige Bad Nauheimer und sozialisierte Friedberger in der Wetterau seiner Kindheit und, weitere 25 Jahre zurück, im Nationalsozialismus. Erinnert an Zeiten, als es in Gaststätten mit Namen wie „Schillerlinde“ Krautwickel und Apfelwein gab statt Bistecca al Gorgonzola und Edelbrände der Region. Schildert, wie ihm das Tragen einer Kamelhaarstrickjacke Freunde mit rechter Gesinnung einträgt.

Wieso sich Maiers ganzer Ingrimm gegen die „Ortsumgehung“ richtet, wird der gleichnamige Zyklus zeigen, an dem er gerade arbeitet. Der Autor des Erfolgsromandebüts „Wäldchestag“ bewegt sich auf vertrautem Gelände. Auch äußerlich ist er nach vorübergehender Verwaldschratung zu studentischer Stoppelbärtigkeit zurückgekehrt.

Da es ums Thema Heimat geht, hat Maier dem vom Iran verfolgten Musiker Arman Sigarchi Gelegenheit verschafft, auf der Kurzhalslaute Oud zu glänzen, mit einer Fingerfertigkeit, die gefeierte Gitarristen erblassen ließe. Die Begeisterung im Saal teilt die von den Mullahs verfemte, in Offenbach lebende Künstlerin Parastou Forouhar.

Quelle: op-online.de

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