Nicht nur in Stein gemeißelt

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Emilia Neumanns Arbeit „Entlaster“

Darmstadt - In die renommierte Bildhauervereinigung „Darmstädter Sezession“ kann man nicht einfach eintreten. Bildhauer, nicht älter als 40 Jahre alt, können sich bei einer Fachjury um den „Preis für junge Künstler“ bewerben. Von Reinhold Gries

Wird man dabei in die engere Wahl genommen, wird man – wie nun 2014 – in einer Sonderschau auf der Darmstädter Ziegelhütte ausgestellt. Der Hauptpreis ist mit der Aufnahme in die Sezession verbunden. In diesem Jahr bewerben sich elf Nachwuchskünstler aus Europa und Japan um diesen Preis, darunter auch die Offenbacher HfG-Absolventin Emilia Neumann. Ihre aus Zementmasse in Styroporformen gegossene Betonplastik „Entlaster“ mit an der Oberfläche glattpolierten Zementfarbstrukturen und eng verzahnten Betonbändern gehört zu den auffälligsten Skulpturen. Bei ihrer aufwändigen Technik profitiert sie von der Arbeit als künstlerische Gestalterin in Frankfurter Kindergärten.

Herausragend auch der von Shinroku Simokawa in drei Tagen in geduldiger Millimeterarbeit aufgebaute Holzturm mit dem tonnenschweren Steinkubus als Krone. „Ich habe Angst“ nennt der Japaner aus Stuttgart die zen-buddhistisch beeinflusste Arbeit, bei welcher der Weg das Ziel ist. Innovativ wirken die von Elektromotoren angetriebenen, präzise gewinkelten und gefächerten Reflektoren-Schirme von „Reflexion 4“ des Leipzigers Erik Weiser. Sie führen fort, was Johannes Itten 1920 am Weimarer Bauhaus im „Turm des Feuers“ spiralig in den Raum stellte.

Hohes Niveau hat ebenso Anselm Schenkluhns hintergründige Metapher „Rolling Stone – Steppenwolf“ aus einem griffigen Granitstein, den gummibereifte Messingränder von allen Seiten ins Rollen bringen können. Auch Bewerber Ralph Hauser kann man in seinen Kunstharzplastiken „G.G.“ und „Idol“ bescheinigen, dass er das gestellte Thema „In Bewegung“ in anspruchsvolle Plastiken umgesetzt hat. Wie auch Claudia Schmitz „Windenergie-Skulptur“, die sich erst dann überraschend groß aufpustet, wenn man sich in der Galerie der Ziegelhütte bewegt. Und da sind noch Maike Häuslings Polyesterflaggen, Valentin Heßlers technisch vertrackte Blechcontainer-Installation oder auch Johannes Jensens Installation „Ungehörige Schranke“. Wer das Rennen macht um den Haupt- und auch Förderpreis der Sezession, wird erst am letzten Tag der Ausstellung, also bei der Finissage am 13. September, bekanntgegeben.

Diesem Wettbewerbsdruck sehen sich langjährige Sezessionsmitglieder nicht ausgesetzt. Gelassen konnten Klassiker der Moderne ans Werk gehen wie Volker Brüggemann in den Terrakotta-Stelen „Stufung I-III“, Sigrid Siegele in ihrer wie Grabstelen wirkende Ziegel-Serie „Bewegte Flügel“, Matthias Will mit der Edelstahl-„Raumschleuder“ oder Hubertus von Pilgrim mit seiner auch zeichnerisch reizvollen Tontafelinstallation „In den Wind geschrieben“, die in ihrem Metallgestell fast wirkt wie eine vom Winde verwehte Reminiszenz an große Kunstzeiten.

Diese Zeiten sind in der Bildhauerei keinesfalls vorbei, dass zeigt auch meisterlich Gearbeitetes wie Gerd Roeses expressiv geformter Aluminiumguss „Sich öffnende Hand“, Hartmut Stielows sperrige Granit-Stahl-Figuration „Gen Mittag“ und die im Wind vibrierende „Liquid Wall“ der Dietzenbacher Künstlerin Waltraud Munz mit ihren irritierenden Spiegelungen. Auch Eberhard Linkes Terrakotta-„Überflieger“ oder Vera Röhms Plexiglas-Installation „Schattenwürfel/Würfelschatten“ zeigen - samt den gleichwertigen Wettbewerbsarbeiten - dass es einem um die Kunst von heute nicht bange sein muss.

Quelle: op-online.de

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