Null Bock auf Krieg

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Kocht gern für andere: Der deutsch-ungarische Bariton Michael Nagy singt an der Frankfurter Oper.

Frankfurt - Auch Michael Nagy hat den Dienst an der Waffe verweigert. Wie „Owen Wingrave“, den der Bariton im Bockenheimer Depot verkörpert. Mit diesem während des Vietnamkriegs als Fernsehoper komponierten Stück nach der Erzählung von Henry James bestätigt die Oper Frankfurt wieder ihren Ruf, ein Hort der Benjamin-Britten-Pflege zu sein. Von Klaus Ackermann

Inszeniert hat der junge Brite Walter Sutcliffe, musikalisch leiten wird Kapellmeister Yuval Zorn. Premiere ist am Sonntag um 19.30 Uhr. Owen Wingrave ist das vermeintlich schwarze Schaf einer urbritischen Familie, der militärische Tugenden über alles gehen. Denn er schmeißt seinen Militärdienst hin, und fortan ist sein Leben die Hölle. „Dieser junge Mann besitzt eine große Kreativität“, sagt Nagy über seine Titelrolle.

„Das Kriegshandwerk sei ihm einfach zu destruktiv“, so das Frankfurter Ensemblemitglied. Deshalb beschließe seine Familie, dass er scheitern muss, was auf schaurige Art geschieht – schließlich herrscht bei Autor James noch im Tragödien-Format der gewisse Horror.

Es ist nicht sein erster Britten

Dem Reiz, diese grausame Geschichte zu aktualisieren, ist der junge britische Regisseur nicht erlegen. Eher werde das Psychodrama herausgestellt, weiß Nagy. Denn Wingrave sei kein Typ, der Konflikte mit der Keule lösen könnte. Doch vor einer möglichen Künstlerkarriere stehe eine Familie, die keinerlei Verständnis habe für diese Art Selbstverwirklichung. Das alles spiele übrigens um 1900, Entstehungszeit der Erzählung, was ganz schön mutig ist. Widerspricht doch Walter Sutcliffe damit dem Regietheater-Zeitgeist. „Very british“ nennt das Bariton Nagy, der lächelnd auf eine Anleitung zum Binden einer Schleife verweist, die in seiner Garderobe liegt. Schließlich tritt er zünftig in Cut und Frack auf.

Es ist übrigens nicht sein erster Britten: Schon in „Albert Herring“ an der Komischen Oper Berlin war Nagy mit von der Partie, auf Deutsch singend. Eine englische Repetitorin weise ihn bei „Owen Wingrave“ in Sprache und Musik ein, die wie immer bei Britten eng miteinander verknüpft sind. Die spezifischen sprachlichen Eigenschaften, aber auch Fernseh-Attribute wie harte Blenden fänden in der Musik ihre Entsprechung, die überaus vielschichtig sei, aber immer sängerdienlich. Es dauere etwas länger, diese Partie „in die Kehle zu singen“, doch dann hafte sie auch.

Am Kunstlied schätzt er den Blick auf Text und Musik

Mit dem ehemaligen ungarischen Staatspräsidenten ist Nagy übrigens nicht verwandt, dessen Familie nach dem Aufstand 1956 nach Deutschland flüchtete, wo der Sänger auch geboren wurde. Der im Kindergarten aneckte, aber in der musikalischen Früherziehung „sozialverträglich funktionierte“ und schon eine erste Weichenstellung gen Gesang erfuhr. Nach Musikstudien in Stuttgart, Mannheim und Saarbrücken – auch Dirigieren – wurde Rudolf Piernay sein Lehrer, mit dem er noch heute regelmäßig arbeitet. Zwischen Mozart, Wagner und Verdi verfügt Nagy über ein umfangreiches Repertoire.

Doch gibt es Wunschpartien, etwa Brittens „Billy Budd“, den „Don Giovanni“ oder – längerfristig vielleicht – Marquis Posa aus Verdis „Don Carlo“. Viel Renommee hat der junge Bariton auch als Liedsänger. Am Kunstlied schätzt er vor allem den unverstellten Blick auf Text und Musik. Das sei wie eine Leinwand, die man bemalen muss. Neues ausprobieren – das ist offenbar Ehrensache. Auch bei seiner zweiten Leidenschaft, „für andere zu kochen“. Nur beim Pörkölt, dem ungarischen Gulasch, nimmt er’s locker. „Da kommt eh alles rein“, sagt Sänger Nagy.

Quelle: op-online.de

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