Schirn-Ausstellung „Privat“

Öffentliche Intimitäten

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„Fake“ (2011), Neubearbeitung der Ausstellung „Ai Weiwei - Interlacing“, 7677 Bilder (2003-2011) und zwölf Monitore.

Frankfurt - Erst war Privates privat, später politisch, heute ist es populär. In Zeiten von Facebook, Twitter und YouTube, die uns mit Unmengen persönlicher Lebensäußerungen überfluten, ist die Grenze der Privatsphäre aufgelöst. Von Carsten Müller

Wenig von dem, was da an Fotos und Filmchen, an Meinungen und Bekenntnissen gepostet wird, ist veröffentlichungsreif – geschweige denn von Belang. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn sieht darin ein kulturelles Phänomen, das früh von Künstlern vorweggenommen wurde, wie die Ausstellung „Privat“ belegen soll.

Augenfällig wird in der Präsentation vor allem, wie sich die Perspektiven verschoben haben, wie sehr die seit den vergangenen Jahrzehnten verstärkt anbrandenden Bilderfluten unsere Gesellschaft abstumpfen ließen. Ende der 1950er Jahre löste Stan Brakhages filmische Dokumentation der Entbindung seines Sohnes einen handfesten Skandal aus, heute schneidet Mike Bouchet 10.000 Pornofilme zur parallelen Videoinstallation. Und keinen kümmert’s.

Zwischen diesen auch chronologischen Klammern spielt sich eine Ausstellung ab, die in über dreißig Positionen aus den vergangenen fünfzig Jahren Revolutionäres und Redundantes vereint. Vor allem Fotografie und Film kommen in dem von Martina Weinhart kuratierten Labyrinth aus Projektionsräumen, Installationen und Stellwänden zu Ehren, beginnend mit Christian Marclays geheimnisvoller Wohnungstür „80 East 11th Street“ (1990).

Grenzen von Exhibitionismus und Voyeurismus

Fließend sind auch die Grenzen von Exhibitionismus und Voyeurismus. Andy Warhol beispielsweise dokumentiert seinen schlafenden Liebhaber im Fünfstundenfilm („Sleep“, 1963), Avantgardefilmer Michel Auder das Leben seiner Bohème-Freunde („Keeping Busy“, 1969). Martha Rosler verschickte in den 1970er-Jahren Postkarten aus der heimischen Küche.

Michael Wolf, „Paris Street View (#27)“ (2009-2010), C-Print.

Im Gegensatz zu diesem feministischen Statement spiegeln Nan Goldins Schnappschuss-Serien von Familie und Freunden Authentizität vor. Ähnliche künstlerische Wasser befährt Ryan McGinley. Tracey Emins Installation „My Bed“ (1998) erklärt einen der privatesten aller Räume zur öffentlich zugänglichen Kunst – inklusive schmutziger Strümpfe, Aschenbecher und Kondom.

Merry Alpern blickt neugierig durch „Dirty Windows“ (1993-94) auf Drogenkonsum und Prostitution in einem Sexclub an der Wall Street. Richard Billingham fotografierte das Elend seiner alkoholkranken Eltern in ihrer Birminghamer Sozialwohnung („Ray’s Laugh“, 1989-1996), Leigh Ledare seine Mutter beim Sex mit jungen Liebhabern. Andere wiederum suchten in Fotoalben nach Spuren des Privaten wie Fiona Tan in ihrer wandfüllenden Serie „Vox Populi“ (2004-2012) oder Jörg Sasse, der Familienbilder digital verfremdet. Gabriel de la Mora griff zum Skalpell und entfernte Gesichter aus historischen Sepia-Porträts.

Aus dem Internet gefischtes Material

Der voyeuristische Blick tritt besonders in aus dem Internet gefischten Material in den Vordergrund, nicht nur wegen der oft grob gepixelten Oberflächen: Mark Wallinger zog Fotos schlafender Reisender groß auf; Michael Wolf lichtete Skurriles aus Googles Street View ab; Peter Piller durchforstete Online-Dating-Seiten; das Kollektiv Leo Gabin schnitt YouTube-Videos von tanzenden oder betrunkenen Teenagern zusammen.

Anderen dient das Netz als Plattform zur Selbstdarstellung: Die sexuell aufgeladene Selbstinszenierung pubertierender Mädchen fasste Evan Baden in großformatige, pastellfarbene Jugendzimmer-Interieurs. Großflächig ausgebreitet wurden in der Schirn Blog-Fotos von Ai Weiwei. Für den mit Hausarrest belegten chinesischen Künstler („Der Blog ist eine Zeichnung“) war das Internet ein rettendes Tor zur Welt.

Akram Zaatari dreht den Spieß um und verlegte in seinem Video einen Internet-Chat kurzerhand auf die Schreibmaschine – das Klackern der Typen, die Endgültigkeit der ins Papier gestanzten Buchstaben wirken wie ein nostalgischer Blick in Zeiten, in denen Privates noch als schützenswert galt.

„Privat“ bis 3. Februar 2013 in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, Römerberg. Öffnungszeiten: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr.

Quelle: op-online.de

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