Koch-Teppiche und Kubin-Zeichnungen im Klingspor-Museum

Weltweit einzigartig

Offenbach - Vielen ist es unbekannt, dass das Klingspor-Museum weltweit einzigartige Schätze verwahrt. Von Reinhold Gries 

Zwölf gestickte Schriftteppiche des Offenbacher Künstlers Rudolf Koch aus den 1920er Jahren gehören ebenso dazu wie zwei Dutzend Federzeichnungen und Farbentwürfe des Expressionisten Alfred Kubin zum Zyklus „Der Prophet Daniel“ (1913). Nach aufwändiger Restaurierung, auch gefördert von der Kulturstiftung der Länder, werden die Zimelien nach vielen Jahren erstmals gezeigt. Beiden gemeinsam ist die Darstellung und Illustration biblischer Texte.

Kochs Tapisserien kommen passend zu dessen 80. Todestag am 9. April, frisch restauriert von Textilrestauratorin Brigitte Dreyspring - eine der wenigen, die sich mit dem angewandten „Nonnenstich“ auskennt. Selten frisch hängen nun neun davon an Wänden, wo sie nicht zu lange bleiben dürfen. Dann kehren sie zurück in einen neu gebauten Schubschrank, der den Teppichen nötige „Liegeruhe“ gewährt. Der Wert der fast 2 ½ Meter hohen Teppiche im Hoch- und Quadratformat ist unschätzbar. Denn Koch war der weltweit erste, der ab 1923 nur noch in Klöstern und bayrisch-hessischen Bauernhäusern erhaltene Sticktechniken für Schrift einsetzte. Mit Schüler Berthold Wolpe erprobte er einiges selbst, bevor ihm ab 1924 große Würfe gelangen, die man letztmals 1927 (!) bei der Koch-Ausstellung im Gewerbemuseum Darmstadt als Gesamtensemble zu sehen bekam. Auf Leinengrundgewebe wurde das alles mit langem Atem gestickt von Offenbacherinnen wie Stephanie und Emmi Freise, Anni Epstein, Herta Jobs, Anneli Kredel, Helene Böhm sowie Ursula und Lore Koch. Sie verwendeten selbstgefärbten Leinenzwirn aus Eisenschwarz, Indigoblau, Krapprot und Pflanzenbraun. Nur für Chromgelb war Pflanzliches nicht zu bekommen, Grün färbten sie aus übereinandergelegtem Blau und Gelb. Wie kunstfertig und präzis an Kochs Antiqua-, Unziale-, gotischen, hebräischen und bildhaften Schriftzeichen gearbeitet wurde, passte zu Kochs Schriftkunst, der Schriftgießen und Drucken auf Papier nicht mehr genügte. Dazu schlagen Wolpes Teppiche für Koch-Freund Siegfried Guggenheim und Kochs Psalm-, Mose- und Jesaja-Texte nie da gewesene Brücken von mittelalterlichem Kulturerbe zu klassisch-moderner Schrift.

Ähnlich einzigartig auch Kubins Daniel-Zyklus mit seinen fantastischen Kreaturen und makabren Visionen in sperrig verdichteten und vibrierenden Strichgeflechten. In diesen nahm der Zeichner, angeregt von Franz Marc und dem „Blauen Reiter, am Vorabend des 1. Weltkriegs fast prophetisch den Surrealismus wie die Weltkriegs-Apokalypsen vorweg. Wie Kubin dabei hineinführt in expressive wie assyrische Kunst und die Motive mit Text und eigens gestalteten Initialen vereint hat, ist ohne Vergleich in der Illustrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

„Glanzvoll. Restaurierte Werke von Rudolf Koch und Alfred Kubin“ im Offenbacher Klingspor-Museum bis 11.5.; Di, Do, Fr 10-17 Uhr, Mi 14-19 Uhr, Sa, So 11-16 Uhr

Quelle: op-online.de

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