Zwischen Schein und Sein

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Weibsbilder: Skulptur „Kleine Diskussion“ (2007) von Clemens Heinl und Ölgemälde „Ohne Titel“ (2010) von Simona Haack.

Offenbach - „Realismus. Schein oder Wirklichkeit“ titelt die neue Ausstellung im Offenbacher Kunstraum orth der Aulich-Merkle-Stiftung. Auf ein Fragezeichen hat Kurator Hans-Peter Nacke aus Wuppertal verzichtet. Von Carsten Müller

Wohlweislich, denn angesichts der Werke von zwölf Künstlern verschwimmen die Grenzen zusehends. Vor allem Malerei ist zu sehen, aber auch zwei bildhauerische Positionen. Beispielsweise die aus Beton gegossenen Miniatur-Häuser von Oliver Czarnetta (Jg. 1966), deren hohle Fenster Neugier wecken. Welcher Kern steckt wohl in dieser roh-verschachtelten Schale, die weder alt noch jung, weder Rohbau noch Ruine zu sein scheint und den Betrachter zum Voyeur macht? Ein Haus im Haus, eine Art Labyrinth, verschlungen und tief wie eine Seele.

Weniger rätselhaft, vielmehr extrovertiert sind die Skulpturen, die Clemens Heinl (Jg. 1959) mit der Kettensäge aus Holz geschnitten hat. Das Naturmaterial zeigt Schrunden, Risse, Späne und Spalten. Die Posen wirken knisternd authentisch: Zwei nackte Frauen mit farbigen Kopftüchern stehen sich da dicht gegenüber, die Hände am Körper umkreisen sie sich drohend.

Nackte auf einer Waldlichtung

Gleich daneben liegt Simone Haacks (Jg. 1978) Nackte auf einer Waldlichtung. Porzellanzarte Hauttöne kontrastieren mit sattem Grün, im Hintergrund lösen sich Konturen auf, Die junge Frau fühlt sich unbeobachtet, das irritiert, zumal der Blick aus unmittelbarer Nähe auf sie fällt.

Auch Kim Reuter (Jg. 1971) scheint ihre Motive in einem unbeobachteten Moment festzuhalten. Ob es Kinder sind, die versonnen im Sand oder an einem Teich mit Enten spielen, oder ein Spaziergänger auf winterlichem Waldweg. Auf der Oberfläche ihrer atmosphärisch-bewegten Malereien verselbständigen sich die Eitempera--Farben, Figürliches löst sich in Unschärfe auf und verwandelt sich in abstrakte Farbkompositionen.

Aus schnödem Alltag lässt Mathias Otto (Jg. 1958) hochromantische Szenerien entstehen. Seine bis ins Detail ausgearbeiteten Nachtstücke in Öl zeigen Baustellen, Außentreppen, Bushaltestellen oder einen von Bäumen umgebenen Sportplatz, wie sie jedermann geläufig sind. Doch die menschenleeren Orte werden durch Intensität und Verteilung von künstlichem Licht mit Bedeutung aufgeladen, das wirkt mal geheimnisvoll, mal Furcht erregend, immer faszinierend.

Nachtstücke aus Acryl und Lack

Dokumentarisch wirken dagegen die Nachtstücke aus Acryl und Lack von Nadine Wölk (Jg. 1979). Fotografisch inspirierte Momentaufnahmen vor tiefschwarzem, pastos aufgeworfenem Hintergrund, auf dem sie irrlichternde Farbakzente setzt. Porträts einer Jugend und ihrer intimen Lebenswelt.

Jugendkultur ist auch das Thema ihrer Schwester Anne Wölk (Jg. 1982), die in ihren Mischtechniken der Experimentierlust in kräftigen Farben freien Lauf lässt. Ornamente, Graffiti und Airbrush sowie figürliche Malerei kombiniert sie zu schwebenden Sequenzen, deren Bildebenen einander überlagern. Nüchterner Gegenpol sind distanzierte (Rück)-Ansichten städtischer Passanten von Ruth Bussmann (Jg. 1962), die sie vor klar abgegrenzten Farbflächen aufmarschieren lässt. Horizontale Linien und lange Schlagschatten kontrastieren mit den von einer tief stehenden Sonne in gleißendes Licht getauchten Studien.

Irrlichternde Farben: Nadine Wölk porträtiert Jugendliche in Acryl.

Mehr Rätsel geben die mikroskopischen Strukturen von Marina Schulze (Jg. 1973) auf, die mit größter Akribie gemalt wurden. Es sind Makro-Ansichten von Pilzen und Haut, die in Öl und Acryl wie abstrakt erscheinen. Auch Stefan Bräuninger (Jg. 1957) entnimmt seine Motive der Natur. Die meisterlich ausgearbeiteten Brombeeren und Wicken wirken ungemein realistisch und von einem Hauch der Unschärfe bewegt – man verspürt den Impuls, sie von der Wand zu pflücken.

Gefaltete Decken, Spitzen und Stoffe sind die Malobjekte von Nicola Hanke (Jg. 1977), die sie ausschnittweise heranzoomt und bis in die Faser genau in Öl abbildet. Oberflächen mit Licht und Schatten, aber auch Muster und Ornamente komponiert sie zu meditativen Stillleben. Jeder Pinselstrich ist in den Interieurs von Mathias Weis (Jg. 1955) nachzuvollziehen und dennoch wirken die Möbel, Kleidungsstücke und Objekte, die er in Öl gemalt hat, ungemein lebensnah und plastisch. Da verwischen sich Schein und Wirklichkeit in perfekter Übereinkunft.

„Realismus – Schein oder Wirklichkeit“ bis 20. November im Kunstraum orth, Frankfurter Straße 59, Offenbach. Geöffnet: Samstag und Sonntag von 11 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel: 069/810044.

Quelle: op-online.de

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