Offenbachs Adresse für neue Kunst

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Schwerpunkt-Landung: Das Flugobjekt von Nadine Röther bleibt aber am Boden.

Arbeit und Idylle passen nicht immer zusammen. Das gilt besonders für Offenbach. Umso bemerkenswerter ist die Eröffnung des Kunstraums orth an der Frankfurter Straße, wo privates Mäzenatentum und Kunst-Sachverstand seit kurzem auch offiziell Hand in Hand gehen. Von Carsten Müller

Eng war’s in der mit 200 Quadratmeter Fläche eigentlich recht geräumigen Kunst-Etage, als Stephan Wildhirt, ehemaliger Offenbacher Bürgermeister und Kulturdezernent, sein Grußwort sprach, das außergewöhnliche Engagement des Ehepaars Gisela Merkle und Herbert Aulich sowie die lange Erfahrung der Kuratoren Thomas Hühsam und Oliver Raszewski lobte.

Zum Auftakt sind in den frisch renovierten Räumen Arbeiten von vier Absolventen der Offenbacher Hochschule für Gestaltung zu sehen. Sie bespielen jeweils eigene Zimmer, die sie nach Gutdünken ausgestaltet haben, sind aber auch mit von Kuratoren ausgewählten Werken in einer Gemeinschaftspräsentation vertreten.

Installation und Vitrinen von Valentin Beinroth

Nadine Röther, Jahrgang 1980, verleiht ihren Objekten im Prozess des Zusammenbaus eine eigene Statik, treffende Metapher auf ein unwägbares Leben, das stets nach Balance strebt. Aus rohen Holzresten fügt sie eine archaisch wirkende Flugmaschine zusammen, die erst im Entstehen ihren Schwerpunkt findet. Darüber scheint ein Ballon aus Beton zu schweben. Schweres wird leicht. Erstaunliche ästhetische Wirkung erzielt sie mit abgeschliffenen Zollstöcken, die sich zum hölzernen Wandobjekt entfalten. Einen Raubtierkopf hat sie aus geschätzten 40.000 Heftklammern zusammengefügt.

Philipp von Wangenheim, Jahrgang 1978, hat das benachbarte Zimmer bezogen. Er ließ sich von Abbildungen beispielsweise aus der Werbung zu Gedichten inspirieren, eröffnet den eigentlich ausgedeuteten Motiven eine neue poetische Dimension. Dazu zeigt er eine Videoarbeit, ein Crescendo aus selbst eingespielten Klängen. Fingerübungen auf Gitarre, Piano, Schlagzeug und Flöte, die nach Synchronität streben und somit einen Kontrast zur Weite der Poesie bilden. Im Gemeinschaftsraum zeigt das Duo Röther von Wangenheim drei Installationen, ein Panorama aus pulsierenden Leuchtdioden, einen über die Jahre anwachsenden Kippenberg aus bemalten Holzstücken, die Zigarettenschachteln ähneln, sowie eine animierte Kunst-Torte mit ruckelnd-rotierenden Kerzen.

 „orth für aktuelle Kunst“, Frankfurter Straße 59, Offenbach.

Geöffnet: Samstag und Sonntag von 11 bis 14 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon: 069/ 810044

Der Hanauer Jörg Obenauer, Jahrgang 1974, verleiht mit seinen Lichtinstallationen der Logik elektronischer Schaltungen eine nicht gekannte Sinnlichkeit. Ein virtuoses Arrangement aus Mechanik und Elektronik bewegt kleinformatige Würfel in seriellem Arrangement nach rätselhaft-magnetischer Choreografie, verwandeln den Raum in Kathedralen aus rötlichem Licht. Aus perfekt gearbeiteten Leuchtobjekten entstehen faszinierende Wandskulpturen, die mit Farben und Frequenzen spielen.

Valentin Beinroth, Jahrgang 1974, bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Naturwissenschaft und Kunst. Eine Reise nach Hongkong hat er mit Akribie dokumentiert, 3 500 Bilder katalogisiert und kategorisiert. Heraus kamen ein Leuchtkasten und eine zehnbändige Dokumentation, angesichts derer Der Betrachter nicht sicher sein kann, was er vor Augen hat. Wo es um das Wesen der Dinge geht, stößt Wissenschaft an Grenzen, die Beinroth virtuos auszuloten versteht. Subtile Kritik an einer technisierten Gesellschaft spricht aus seiner Schmetterlingssammlung. Deren Objekte sind aus Leiterplatten geätzt, normalerweise Bauteile von Computern.

Quelle: op-online.de

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