Ohne Engel geht es nicht

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Auf Zeitreise gehen der Geist des toten Marley (Werner Bauer), der Engel (Sandy Mölling) und der Geizkragen Scrooge (Kristian Vetter).

Frankfurt - „Fröhliche Weihnachten!“ Wer gegen diesen Satz noch nicht allergisch ist, kann es werden. So oft wird er Besuchern der Alten Oper entgegengekräht, mit aufgekratzter Munterkeit. Von Markus Terharn

Alle Jahre wieder verwandelt sich das Konzerthaus über die Feiertage zur Musicalbühne, aktuell für die Produktion „Vom Geist der Weihnacht“. Grundlage ist Charles Dickens’ bekannte Erzählung von 1843, die ursprünglich „Ein Weihnachtslied in Prosa“ heißt. Zehn Jahre ist es her, dass Michael Tasche und Dirk Michael Steffan die Verse dazu geschrieben haben, die letzterer in Musik gefasst hat. Die Frankfurter Premiere im Großen Saal erntet einigen Beifall – echte Begeisterung bleibt jedoch aus.

Wer an Engel glaubt, tut sich leichter; der erste ziert bereits den Gazevorhang. Bei Schwierigkeiten mit dem Überirdischen hilft Besinnung auf den märchenhaften Charakter: Die Geschichte des geizigen Pfandleihers Ebenezer Scrooge, der sich durch wundersame Erscheinungen zum Wohltäter läutert, ist seit jeher viel zu schön, um wahr zu sein. Totzukriegen ist sie nicht.

„Ich gäb’ mein Leben, um nicht mehr Geist zu sein“

In erster Linie verdankt sich das der Figur des Marley. Als bleiches, abgerissenes Gespenst weiß Werner Bauer Mitleid zu wecken. „Ich gäb’ mein Leben, um nicht mehr Geist zu sein“, barmt der seit 20 Jahren untote frühere Geschäftspartner von Scrooge. Ausgesandt, seinen scheinbar herzlosen Freund vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Aufgabe.

„Schmeißt den ganzen Plunder weg, Weihnachten ist Rattendreck“, lautet das unchristliche Credo jenes Misanthropen. Als Scheusal brummt Kristian Vetter recht undifferenziert vor sich hin. Kontur gewinnt seine Gestalt erst im Zuge der Zerknirschung: als Scrooge erkennt, dass er eine Frau, seine Belle, wirklich geliebt hat, wie sie ihn. Und dass es Menschen gibt, die ihn trotz seiner rauen Schale in ihre Segenswünsche einbeziehen...

Rauschgoldengel attraktiv verkörpert

Zum Lernprozess braucht es den „Geist der Weihnacht“, als blonder Rauschgoldengel attraktiv verkörpert vom früheren No Angel Sandy Mölling. Intonatorisch ist ihre Leistung tadellos, sie singt ihre Kollegen an die Wand. Darstellerisch kommt sie recht bemüht über die Rampe, ihre Sprechweise ist aufgesetzt.

Der Regisseurin und Choreografin Iris Limbarth ist auch wenig eingefallen, um Abwechslung zu erzeugen. Immer wieder friert die Wiesbadenerin das Personal zu arrangierten Tableaus ein. Ein ums andere Mal muss Mölling flügelgleich ihre Arme ausbreiten. Die Tanzszenen wirken wie ein mechanisches Ballett: Hände verschränken, Hopser nach links, Hopser nach rechts, im Kreis drehen. Dabei sind die Volksaufläufe um einiges bunter geraten als die Spuk- oder Traumsequenzen.

Die Ausstattung mit Kostümen und Kulissen von Matthias Läßig evoziert atmosphärisch das England des 19. Jahrhunderts. Wobei Stadtbild und Kleine-Leute-Milieu besser getroffen sind als die Sphäre des kalten Geldes. Die Zeitreisen mit der Luftgondel in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft streifen mitunter den Kitsch.

Solides und professionelles Ensemble

Aus dem solide professionellen Ensemble ragt Sissy Staudinger als dralle, lustige Mrs. Fezziwig heraus. Ihr A-Cappella-Rap „Nur eine Kleinigkeit“, von Klatschen und Steppen begleitet, ist musikalisch die originellste Nummer. Auch der Reigen unseliger Geister in Ketten reißt mit. Vom Keyboard aus hält Wolfgang Wilger seine zehnköpfige Band im Takt, die in Gert Wildens Arrangement dank Violine und Violoncello streichzart tönt.

Weitere Vorstellungen bis 29. Dezember.

Komponist Steffan hat etliche eingängige Melodien geschaffen, aber keine, die hängenbleibt, die das Publikum auf dem Heimweg summt. Manches klingt wie der Versuch, einen modernen Klassiker für das Fest der Feste zu kreieren. Das gelingt weder mit dem penetrant wiederholten Choral „Am heiligen Abend“ noch mit der Weichspülweise „Weihnacht, Weihnacht“, eher mit dem Cantus „Hoch am Himmel“. Der gefällt in der Interpretation durch die Familie des ausgebeuteten Cratchit (Thorsten Ritz) mit fürsorglicher Frau (Julia Felthaus) und behindertem Sohn (Florian Peters). Und erst recht, wenn ihn einer der in der Region gecasteten Knaben solo anstimmt. Also: „Fröhliche Weihnachten!“

Quelle: op-online.de

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