„Es weht ein rauer Wind“

Oliver Reese, Noch-Intendant des Schauspiels, freut sich auf neuen Job in Berlin

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Mit „großer Sympathie und echtem Interesse“ habe ihn das Frankfurter Publikum vor acht Jahren aufgenommen. Ob das in Berlin ähnlich läuft? Schauspiel-Intendant Oliver Reese hat schon ganz konkrete Pläne für die Hauptstadt. Dort übernimmt er im Herbst die Intendanz des Berliner Ensembles.

Frankfurt - Acht Jahre lang war Oliver Reese Intendant des Frankfurter Schauspiels – und es hätten noch ein paar mehr werden können. Von Lisa Berins

Doch dann kam der Anruf aus Berlin, und von da an ging alles ganz schnell: Im September übernimmt Reese die Intendanz des Berliner Ensembles. In seiner letzten hiesigen Spielzeit spricht der 52-Jährige mit uns über seine Zeit in Frankfurt, über den Wandel des Theaters und seine Pläne für Berlin. Frankfurter Schauspiel, Verwaltungseingang, fünfter Stock: Von dort schaut Oliver Reese durch ein Panoramafenster auf die graue Frankfurter Hochhaus-Landschaft. Papier liegt verstreut auf dem Bürosofa, die Figur eines buddhistischen Mönchs steht auf dem Schreibtisch. „Er strahlt die Ruhe aus, die ich nicht habe“, sagt Reese. Der Intendant befindet sich kurz vor dem Absprung in die Hauptstadt. Die Koffer sind aber noch nicht gepackt – so weit ist es noch lange nicht  ...

Herr Reese, Sie haben gerade Ihre letzte Inszenierung in Frankfurt erfolgreich hinter sich gebracht. Jetzt ist es doch Zeit, sich etwas zu entspannen, oder?

Entspannen? Das ist ja ein guter Witz! Es ist eine Zeit, in der ich unfassbar angestrengt bin: Frankfurt läuft noch auf vollen Touren, und das Berliner Ensemble hat einen großen Wechsel vor sich, in fast jeder Hinsicht. Personell, inhaltlich, strukturell, technisch. Innerhalb von sechs Wochen Theaterferien werden wir quasi das ganze Haus auf den Kopf stellen. Das wird ein harter Sommer. Und davor hat Frankfurt ein theatrales Abschiedsfeuerwerk verdient.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie nach Berlin? Da bläst ja ein kräftiger Gegenwind...

Ach, da weht einfach ein rauer Wind. In Berlin wird es der Kunst nicht leicht gemacht. Es gibt ein riesiges Angebot. Deshalb setzt sich dort auch nur eine gewisse Qualität durch. Die Leute haben unglaublich viele Alternativen – und als Theatermacher müssen Sie deutlich machen, warum man gerade zu Ihnen kommen sollte und nicht in eines der 80 Kinos oder in eine der zwölf Spielstätten der anderen Staatstheater. Aber Berlin ist auch die Stadt, in der es eine sehr interessante junge Generation gibt. Die Stadt ist härter, ärmer, aber auch durchmischter. Es ist aufregend, dort Theater zu machen und sich in das Konzert der Stimmen einzumischen. Der Reiz ist größer als der Respekt vor der Hauptstadt.

Es gab aber auch kritische Stimmen aus Berlin. Es hieß, Sie seien als Intendant ein „handzahmer Verwalter“.

Was heißt hier Stimmen? Das war nur Claus Peymann, der das sagte.

Die Kritik zielte, soweit ich das verstanden habe, darauf ab, dass das Künstlerische für Sie eher zweitrangig sei. Stimmt das?

Nein. Der künstlerische Aspekt ist der alles entscheidende. Wenn Sie versuchen, es anderen recht zu machen, lassen Sie es lieber gleich bleiben. In der Kunst ist nur das überzeugend, was vollkommen authentisch ist. Ich habe schon bei den ersten Gesprächen über das Berliner Ensemble die Vorstellung gehabt: Ich möchte etwas wirklich anderes machen als hier. Es sind auch ganz andere Voraussetzungen: In Frankfurt können Sie mit Autos auf die Bühne fahren, in Berlin habe ich eine intime Kammerbühne, allerdings mit 800 Plätzen. Das ist der größtmögliche Gegensatz. Und das Berliner Ensemble ist kein Stadttheater, das ist der besondere Reiz daran.

Sie wollen erst einmal einen Teil der Künstlerverträge nicht verlängern, wie man liest. 

Ja, es wird ein neues Ensemble geben. Ich behalte zwei Schauspieler fest und eine ganze Reihe als Gäste, vor allem die Älteren, die ohnehin im Rentenalter sind. Die festen Stellen möchte ich Leuten geben, die in ihrer Hauptarbeitsphase sind. Ja, da gibt es eine große Erneuerung – und es freuen sich sehr viele Leute darauf, auch im Haus. Die Medien zitieren Herrn Peymann ja gern, aber die Wirklichkeit ist anders. Ich gehe in dem Haus ein und aus, habe guten Kontakt zu den Mitarbeitern.

Was möchten Sie in Berlin anders machen als in Frankfurt? Gibt es konkrete Pläne?

Ich will in Berlin noch viel mehr und verstärkt neue Stücke spielen und andere Stoffe entdecken. Und neue Stücke in Auftrag geben. Wir sind dabei, ein Autorenprogramm zu entwickeln, bei dem wir ganz gezielt Autoren ansprechen – nicht unbedingt nur junge –, die auf anderen Gebieten schon interessante Sachen gemacht haben. Romane oder Drehbücher geschrieben haben, Journalisten sind. Die wollen wir fürs Theater gewinnen. Neue Stücke braucht das Land!

Wie wollen Sie diese Autoren überzeugen?

Diese Leute sind ja schon in anderen Genres unterwegs, aber sie haben das Theater einfach nicht auf dem Schirm. Das liegt daran, dass das Theater in einem zu hohen Maße die immer gleichen bekannten Titel gespielt hat. Da schließe ich mich selbst mit ein. Ich habe lange Zeit sehr gern „Onkel Wanja“ gesehen und „Die Wildente“ und „Don Karlos“, aber es ist gerade nicht die Zeit dafür. Wir haben diese Stücke zu viel und zu oft gezeigt, wir haben angefangen, diese Stücke auf den Kopf zu stellen. Diese Art von Kunstmätzchen, von selbstreferentiellem Regietheater, hat ein zu großes Gewicht auf Regisseure und ein zu geringes auf Autoren gelegt. Und das hat sich gerächt, und das Theater ist zum Klassiker-Museum geworden.

Sie sagten einmal, dass es kaum zeitgenössische Werke gibt, die auf einer großen Bühne spielbar sind. Was muss denn so ein Werk haben?

Also, das war eine ganze Zeit lang so, aber wir beweisen ja mit den Premieren in dieser Saison – „Königin Lear“, „Safe Places“, „Eine Familie“, demnächst „Drei Tage auf dem Land“ –, dass es auch anders geht. Das Problem bei vielen Theaterstücken ist, dass sie thematisch nicht stark genug sind. Die Autoren haben sich zu lange in einer Art Elfenbeinturm zurückgezogen und haben sehr privatistische Geschichten geschrieben. Es fehlten Stücke wie „Terror“ von Ferdinand von Schirach oder „Safe Places“ von Falk Richter. Da rennen die Leute rein, weil sie merken, dass Theater auch politisch, zur aktuellen Lage etwas zu sagen hat. Zum Terrorismus, zur AfD.

Wird das Politische fürs Theater wichtiger? Und muss es heute vielleicht stärker eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

Ein entschiedenes Ja – und das gilt nicht nur für uns. Wir sind im Moment in sehr aufgeregten, dramatischen, zerrissenen Zeiten. Die EU fliegt uns um die Ohren, die rechten Parteien haben einen beängstigen Zulauf, wir haben einen Horrorclown als Chef der amerikanischen Regierung, der die Folter bejaht. Wir erleben, was in der Türkei passiert. Da heizen sich ganz viele Krisenherde auf. Und es ist vollkommen klar, dass die Kunst ihre Augen davor nicht schließen kann. Jetzt schön Klassiker spielen, das reicht nicht. Man erwartet zu Recht von uns, dass wir dazu Stellung beziehen. Da habe ich mich selbst während meiner Zeit in Frankfurt auch verändert. Mir war am Anfang wichtig, einfach gutes Theater zu machen. Dann habe ich gesehen, dass in dieser Stadt ein Ort der Auseinandersetzung fehlte. Gerade in einer Zeit, in der die Situation bedrohlicher wird, ist es extrem wichtig, dass man als Theater warnt und Stellung nimmt.

An Ihren Nachfolger Anselm Weber übergeben Sie ein Haus, das die ein oder andere bauliche Macke hat...

Das ist leider etwas untertrieben gesagt. In den letzten Jahren wurde schon viel saniert, die Bühne wurde komplett gemacht, die Bestuhlung im Zuschauerraum wurde erneuert und, und, und. Aber das Problem ist viel tiefgehender. Was enorme Kosten verursachen wird, sind Dinge, die Sie nicht sehen; Leitungen, Belüftungssysteme, Klimaanlagen, die komplette Glasfront unten. Das wird eine mehrjährige Bauzeit bedeuten – noch ist nicht sicher, ob unter laufendem Betrieb.

Wie fühlt es sich an, das Baby wegzugeben?

Künstlerisch habe ich ein tiefgehend gutes Gefühl mit diesem Abschied. Ich hatte zu Beginn in Frankfurt nicht gedacht, dass es eine solche Erfolgsgeschichte werden würde, bei der wir eigentlich von Anfang an auf große Sympathie, auf echtes Interesse gestoßen sind. Die Botschaft, dass es wieder tolle Schauspieler zu sehen gibt, die vitales Schauspiel machen, dass Frankfurt seine eigenen Stars gemacht hat und dass das Theater so überrannt werden würde – wir hatten einen 170-prozentigen Anstieg der Abonnements –, das ist alles andere als selbstverständlich. Wir haben unglaublich viele Projekte angestoßen, an wahnsinnig vielen Orten gespielt, wir haben ein fantastisches Ensemble und Mitarbeiter, die ich am liebsten alle mitgenommen hätte. Ja, es ist auch Wehmut dabei. Also, das Baby ist in einem sehr, sehr guten Zustand. Herr Weber kann sich freuen.

Der Intendant verabschiedet sich mit einer Abschiedsgala im Schauspielhaus mit abschließender Party unter dem Motto „One Song for the Road “ am 24. Juni. Die Ticketzahl ist begrenzt.

Maskenbildner: Verwandlung mit Silikon und Perücke

Quelle: op-online.de

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