Oper im alten Stil

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Bestechender Gesang in historisierenden Kostümen: John Osborn und Elena Daniela Mazilu.

Dreieich - An den großen Opernhäusern hat sich das Regietheater allgemein durchgesetzt, Oper wird mithin in ihrem eigentlichen Sinne als Musiktheater begriffen. Von Stefan Michalzik

Ein konservativer Teil des Publikums beharrt angesichts dieser Entwicklung, die in den siebziger Jahren vom Schauspiel auf die Opernbühnen übergesprungen ist, auf dem Vorwurf der Regiewillkür und einer mangelnden Treue zum Komponisten und seinem Werk – mit anderen Worten: Es sehnt sich nach der Oper „im alten Stil“ zurück.

Diesen Menschen kann geholfen werden: Die in Bad Schwalbach ansässige Opera Classica Europa, die mit Verdis „Rigoletto“ zum Saisonabschluss bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain gastierte, scheint sich das regelrecht zum Programm gemacht zu haben.

Michael Vaccaro, der Gründer dieses privaten Unternehmens, ist eigentlich ein Regieverweigerer. Er versteht Inszenierungsarbeit nicht als Interpretation, es scheint seiner Auffassung nach zu genügen, den Sängern und dem Chor im Sinne eines flüssigen szenischen Ablaufs ihre Gänge und Positionen auf der Bühne zuzuweisen. Bloß keine Segmente von Heutigkeit: Es wird in historisierenden Kostümen gespielt, der Rigoletto trägt Narrenkappe und -gewand. Es erscheint daher konsequent, dass niemand für die Ausstattung genannt wird, denn die ergibt sich in dieser uneingeschränkten Musealität praktisch von selbst. Die Position „Regie“ hätte man allerdings folgerichtig gleichfalls weglassen müssen: „Szenische Einrichtung“ hätte Vaccaros Tätigkeit zutreffender gefasst.

Der amerikanische Tenor John Osb als Herzog

Große Oper wird hier gleichsam in einer Kammerfassung gespielt. Der Chor, zusammengesetzt aus Kräften der Opernhäuser in Bonn, Köln und Mannheim, besteht aus gerade mal rund einem Dutzend Sängern („Rigoletto“ verlangt nur Männer). Das als Smetana Philharmoniker Prag firmierende Orchester - aufrichtigerweise sollte es sich Kammerorchester nennen - zählt ungefähr dreißig Musiker. Die Pultarbeit von Hans Richter ist agil und sachlich; die gewaltigen Effekte in Verdis Partitur sind mit einem solchen Schrumpforchester aber einfach nicht zu haben, ökonomische Zwänge hin oder her.

Wie auch immer: Mit einer ganz großen Zugnummer hat dieser „Rigoletto“ doch aufgewartet: Der amerikanische Tenor John Osborn singt die Partie des Herzogs mit einer idiomatischen Sicherheit, die weit über die bloße Bravour hinausgeht. Das ist bar von tenoralen Manierismen gestalterisch akzentuiert und packend, Osborn ist der unumstrittene Star des Abends. Sängerisch profund: der ukrainische Bariton Andriy Shkurhan in der Titelrolle. Die Gilda gab die rumänische Sopranistin Elena Daniela Mazilu souverän, wenn auch ohne großen stimmlichen Furor in den Koloraturen. Die übrigen Rollen waren ansprechend besetzt, mit Sängern, die engagiert und ausdrucksvoll singen, zum Glück im italienischen Original, die an den Opernhäusern inzwischen weitreichend üblichen deutschen Übertitel wären dienlich.

Das Publikum hat am Ende weidlich applaudiert, man war’s zufrieden: Das ist die selbstgesetzte Messlatte der sommerlichen Festspiele.

Quelle: op-online.de

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