Theater auf der Bühne

+
Hinter den Kulissen geht das Drama erst richtig los: Micaela Carosi in der Titelrolle der Frankfurter Neuinszenierung.

Frankfurt - Dass auf dem Theater gerade Natürliches zuweilen unnatürlich wirkt, wusste schon der Wiener Aphoristiker Alfred Polgar. Von der Künstlichkeit der Gefühle kündet auch Francesco Cileas Eifersuchtsdrama um eine berühmte Schauspielerin der Pariser Comédie Francaise. Von Klaus Ackermann

In „Adriana Lecouvreur“ bevölkern Schauspieler die Opernbühne, in seiner Frankfurter Neuinszenierung spielt Regisseur Vincent Boussard blitzgescheit mit Doppeldeutigkeiten. Musikalisch perfekt unterstützt von Gastdirigent Carlo Montanaro, der das Opern- und Museumsorchester in Italianità schwelgen lässt, und von zwei auch stimmlich miteinander rivalisierenden Sopranen. Alles Theater auf dem Theater, immer unterhaltsam, manchmal spannend.

Diese Adriana war tatsächlich ein Schauspielstar, bei Cilea und Arturo Colautti, dessen Text auf Eugène Scribe fußt, liebt sie den Grafen Moritz von Sachsen, kommt dessen heimlicher Geliebten, der Fürstin von Bouillon, in die Quere, die sie per Veilchenstrauß vergiften lässt. Hinter der Bühne, auf dem Gang zwischen den Garderobenwohnungen, pocht ein nervöser Regisseur mit seinem Stab, erst Luftlöcher bohrend und dann mit einem mächtigen Schlag auf die Planken das Orchester mobilisierend, während aufgeregte Schauspieler durcheinander rennen. Schon der Einstieg ist ein Spiel im Spiel. Während eine große Wand im Hintergrund Bühne und Zuschauer spiegelt (Bühnenbild: Kaspar Glarner).

Dazu hat Modeschöpfer Christian Lacroix fantastische Kostüme im Stil des 19. Jahrhunderts entworfen. Später wenn’s ans Feiern und ans Entlarven von Empfindungen vor pinkfarbener Mauer geht, ist zeitloser Chic angezeigt. Das Blitzlichtgewitter des investigativ tätigen Fürsten von Bouillon (Federico Sacchi mit elastischem Bass) und seines Co-Detektivs Abbé von Chazeuil (Peter Marsh, auch auf dem Kriegspfad in tenoraler Buffo-Laune) hat Hitchcock-Format. Das Spiel um Wahrheit und Illusion reizt Regisseur Boussard voll aus, in dem er etwa beim „Urteil des Paris“ ein Kinderballett in der Aufwärmphase zeigt.

Voluminöser Sopran

Was letztlich auf der Bühne geschieht, suggeriert allein die Musik, dramatisch Fahrt aufnehmend, sich lyrisch wiegend und impressionistisch wogend. Cilea blickte über den Verismo-Tellerrand. Und das Orchester, den Schönklang genießend, zeigt nicht nur in Zwischenspielen wie wertvoll der Italiener in Hollywoods Komponisten-Werkstatt gewesen wäre.

Beim Changieren von Echtem und gespielten Gefühl gehen fast alle auf Distanz. So macht sich Micaela Carosi als Titelheldin klein vor dem Geliebten, ihre Empfindungen bringt sie in starke Spitzentöne ein, die auch mal verrutschen. Expressiv wirkt ihr voluminöser Sopran vor allem im Mezzopiano. Und stark deklamiert sie im Phädra-Monolog, indirekt die Machenschaften ihrer Gegenspielerin anprangernd: Als Fürstin ist Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner auch stimmlich eine Macht, gedemütigt, verfolgt, aber immer gefährlich. Frank van Aken, Objekt der unterkühlten Begierden, ist tenoral keineswegs der Rohling, der sich spät zur Lecouvreur bekennt. Und dann ist da noch der insgeheim die Diva liebende Regisseur. Mit Bariton Davide Damiani zeigt ausgerechnet der Spielmacher Gefühle.

Belcantisten mit Schauspiel-Ehrgeiz, Regietheater, das keine Rätsel aufgibt: Das Publikum geizte nicht mit Beifall, zeigte gar Mitgefühl, als zum Gifttod der Diva auch die Garderoben-Wand fällt. Theater halt eben …

Quelle: op-online.de

Kommentare