Die Summe der Teile

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Husar Basil (Martin Mitterrutzner) hat Gefallen an Parascha (Anna Ryberg).

Frankfurt - Igor Strawinskys 1922 in Paris uraufgeführter Operneinakter „Mavra“ ist eine Petisse am Rande seines Werks, musikalisch anspruchslos ist das Stück indes beileibe nicht. Von Stefan Michalzik

Es dauert gerade mal 25 Minuten und wird deshalb für gewöhnlich mit Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gekoppelt – nicht zu seinem Vorteil. Im direkten Nebeneinander wirkt die auf Alexander Puschkins Erzählung „Das Häuschen in Kolomna“ zurückgehende dörfliche Buffahandlung etwas läppisch.

Die Frankfurter Oper beschäftigt sich in ihrem Spielzeitfinale diesmal mit Strawinsky, mit der zentralen Inszenierung der zu seinen Hauptwerken gehörigen Oper „The Rake’s Progress“. Eine Auseinandersetzung mit „Igor Strawinskys Theater der Groteske“ verheißt laut Untertitel der Abend „Tilimbom oder Mit offenen Augen hören“, den die Regisseurin Andrea Schwalbach für das Bockenheimer Depot entwickelt hat. Die hintere Hälfte der Industriebasilika wird gerade unterkellert, die daraus resultierende Knappheit des Raumes nützen Schwalbach und ihre Ausstatterin Nora Johanna Gromer für eine intime ebenerdige Kammerinszenierung. „Mavra“ wird motivisch verschränkt mit Bildern aus der Ballettburleske „Petruschka“, hinzu kommen das Lied „Tilimbom“ und die Pastorale, eine Vokalise.

Eine Maskerade auf der Flucht

Zunächst einmal geistern vier gazeverschleierte alte Dörflerinnen durch die surreal anmutende Bühnenlandschaft, deren linke Seite von einer auf einem Hügel stehenden kleinen expressionistischen Holzhütte beherrscht wird. Dem Ganzen ist die Anmutung eines lebenden Bildes inne; es passiert viel, aber nichts Fassbares im Sinne einer Handlung. Rechts auf der Bühne wirken die Jahrmarktsartisten aus ,,Petruschka“.

Der Mohr aus „Petruschka“ ist zugleich auch Basil, der spätere Husar aus „Mavra“. Dieser Soldat, gespielt und gesungen von Tenor Martin Mitterrutzner, ist von Anfang an blutbeschmiert, die Rolle des Mohren ist nur eine Maskerade auf der Flucht. Ständig gewaltbereit, fuchtelt er in den Liebeshändeln mit der Ballerina (Katrin Schyns) und dem von dem Breakdancer Albi Gika verkörperten Petruschka mit einer Maschinenpistole herum. Er ballert auf die pantomimisch reagierende Ballerina, die ihm eine einvernehmliche Partnerin im Gewaltspiel ist.

Am Ende verursacht er ein Blutbad

Noch mit dem Zirkusfrack angetan entdeckt der Soldat im Publikum das Mädchen Parascha (Anna Ryberg), und eine Romanze entspinnt sich. Unter dem Namen Mavra wird er als Köchin bei Paraschas Mutter – die Mezzosopranistin Merja Mäkela - eingeschleust. Mit Schürze und Kopftuch gibt der in die Frauenwelt implantierte Heißsporn ein lächerliches Bild ab; alsbald aber wird er enttarnt, am Ende verursacht er ein Blutbad.

„Petruschka“ wird in der Fassung für zwei Klaviere gespielt, „Mavra“ auf deutsch in der 2002 entstandenen Kammerensemble-Fassung von Winfried Radeke. Das sängerische und instrumentalmusikalische Niveau – Leitung: Karsten Januschke – ist erstklassig, allein die Textverständlichkeit - „Mavra“ wird in der deutschen Übertragung gesungen – könnte besser sein.

Der komödiantische Spielwitz des Abends ist von einer wohltemporiert handfesten Komik, bar der Albernheit. Diesem in intellektuell anregender Weise unterhaltsamen Musiktheaterabend gelingt es, aus den verschiedenen Materialien unverkrampft eine erzählerische Einheit zu schöpfen, was nicht zuletzt der klug entwickelten Dramaturgie zu verdanken ist.

Quelle: op-online.de

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