„Die Welt schaut auf uns“

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„Es ist ein großes Glück am Theater zu arbeiten“, sagt Bernd Loebe, für den die Oper auch moralische Anstalt ist.

Frankfurt - Der Intendant der Frankfurter Oper Bernd Loebe wird heute 60 Jahre alt. Als Jurastudent und Journalist hat er sich das Gefühl für Qualität erhört und fand auf Umwegen seine Erfüllung als Intendant. Von Martha Schmidt

Herr Loebe, Ihr 60. Geburtstag ist auch Ihr zehntes Jubiläum als Intendant der Oper Frankfurt. Wie würden Sie auf der fünfstufigen Zufriedenheitsskala von nicht zufrieden bis außerordentlich zufrieden Ihre Intendantenjahre bewerten?

Da nehme ich ganz selbstbewusst die 5. Wenn man das Haus mit dem vor zehn Jahren vergleicht, ist das jetzt ein komplett anderes Haus. Es gibt eine große Identifikation der Stadt mit der Oper, und der Spagat ist gelungen, die Region zu befriedigen und gleichzeitig einem internationalen Anspruch im Vergleich mit anderen Häusern zu genügen. Die Welt schaut auf uns, wir entfachen eine gewisse Neugier.

Sie haben Jura studiert und dann als Journalist gearbeitet. War der Weg zur Kunst ein glücklicher Zufall?

Der Wunsch war von Anfang an vorhanden, aber es war ein Umweg. Jura habe ich nie ernsthaft betrieben, ich habe nicht einmal das Examen gemacht. Von meinem 16. Lebensjahr an habe ich, da ich von zuhause nicht so abgefedert war, gearbeitet und immer wieder die Hoffnung gehabt, zur Oper zu kommen. Privat habe ich Klavierspielen gelernt. Ich war mein Leben lang sehr fleißig und habe viel in diese Passion investiert.

Was?

Schallplatten und Reisen. Ich habe zu Hause 7 000 Schallplatten, von La Bohème 27 Aufnahmen. Ich habe viel gehört und bin als Student nach München oder Wien gefahren für einen Stehplatz in der Oper, oder nach Mailand und habe mich in einem Hotel mit Blick auf die Pforte der Skala einquartiert, weil man von da aus sah, ob der Portier kurz vor Beginn der Vorstellung noch Karten hatte – und das war dann so. Über das Hören bekam ich ein Gefühl für Qualität.

Und der Sprung in die Oper?

Ich habe zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen. Auf einmal habe ich innerhalb einer Woche zwei Angebote bekommen. Das war eine Schicksalsfügung. Da waren drei, vier Menschen, die in mir eine gewisse Passion gesehen haben und gesagt haben: „Mach das jetzt.“ So habe ich eine unkündbare Anstellung aufgegeben und bin nach Brüssel als Künstlerischer Direktor an das Théâtre Royal de la Monnaie gegangen. Die elf Jahre in Brüssel habe ich in einem vertrauensvollen Team gearbeitet und habe aus der ganzen Welt Sänger für das Haus gefunden.

Als Intendant der Oper Frankfurt sind Sie auch Talent-Scout.

Ja. Dafür braucht man jemanden, der etwas in einem sieht. Das schafft Vertrauen. Das Haus hat einige Dirigenten gut betreut: Kirill Petrenko, Constatinos Carydis. Da bin ich stolz drauf. Das macht mir Spaß, über viele Jahre in Kontakt zu bleiben und sie weiterhin zu beraten. Es ist ein schönes Gefühl, dass ich Ansprechpartner für Sänger und Dirigenten bin. Die kommen immer wieder gern nach Frankfurt, auch wenn sie nicht mehr in den Gagenrahmen passen.

Die Oper fußt auf zwei Säulen, dem Ensemble und dem Opern- und Museumsorchester.

Ja. Das Ensemble pflegen wir. Ich achte sehr darauf, wem ich wann welche Partie gebe und kann die Sänger über Jahre entwickeln. Wir verheizen niemanden. An diesem Prozess möchte ich mich nicht beteiligen. Ich kann jedem in die Augen schauen.

Sie haben Sebastian Weigle als Generalmusikdirektor geholt.

Sebastian Weigle ist hervorragend. Er kann erzieherisch mit dem Orchester arbeiten und gibt mir auch den Raum für Gastdirigenten. Die Musiker, vor allem die älteren, sagen mir, sie hätten sich noch nie so wohl gefühlt. Das Repertoireleben wird immer wieder durch die neuen Dirigenten aufgefrischt, und die unterschiedlichen Dirigenten-Typen halten das Orchester flexibel. Wir haben in allen Bereichen des Hauses ganz wenig Fluktuation.

Was macht für Sie die Faszination Oper aus?

Es ist ein großes Glück am Theater zu arbeiten: für andere ein Stück vorzubereiten, das vielleicht durch seine Schönheit über den Alltag hinausträgt oder ihn bohrend analytisch durchdringt. Ich mag ja auch das Wort „moralische Anstalt“. Das passt für eine Oper, die ihre Besucher sensibler, toleranter macht. Die in der Aufführung das Gefühl bekommen: „Wir sitzen alle in einem Boot.“

Sie müssen sparsam mit dem Budget umgehen. Wo setzen Sie Stellschrauben an?

Wir versuchen die Einnahmen durch Kartenverkauf zu erhöhen: Die Einnahmen haben wir in zehn Jahren von 4,6 Millionen Euro jährlich auf 6,7 Millionen Euro gesteigert. Dazu hat die Erhöhung der Abonnentenzahl von seinerzeit 8 000 auf aktuell 11 773 beigetragen und die Auslastung auf inzwischen 87 Prozent. An dem Sponsoring, das derzeit 1,3 Millionen Euro jährlich einbringt, müssen wir noch arbeiten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Oper in Frankfurt und generell?

Ich bin nicht skeptisch. Solange wir Politiker haben, die eine Verpflichtung spüren, das hohe Kulturgut Oper zu schützen.

Bis 2018 haben Sie sich vertraglich gebunden – was haben wir zu erwarten?

Ich werde ja älter, meine Mitarbeiter werden also jünger werden. Vielleicht wird es einen frischeren, zuweilen irritierenden Regiestil geben.

Quelle: op-online.de

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