Nordische Kälte in Beziehungen

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Sopranistin Charlotta Larsson schätzt Samuel Barbers dramatische Intelligenz.

Frankfurt - Wieder zu Beginn eine Besonderheit: Mit „Vanessa“ des US-Komponisten Samuel Barber (1901-1981) startet die Oper Frankfurt in ihre neue Saison. Überarbeitet wird eine Inszenierung der Malmö Opera aus dem Jahr 2009. Von Klaus Ackermann

Damals wie heute führt Katharina Thoma Regie, die musikalische Leitung hat der britische Dirigent Jonathan Darlington. In der Titelrolle ist die schwedische Sopranistin Charlotta Larsson zu erleben. Die noch tief in der Spätromantik wurzelnde Oper hat am Sonntag um 18 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz Premiere.

Eiszeit der Beziehungen in diesem von Gian Carlo Menotti geschriebenen Libretto, Lebensgefährte von Barber und selbst ein erfolgreicher Komponist. Ein Mann steht zwischen zwei Frauen. Die Ältere, ehemalige Geliebte seines Vaters, heiratet er. Die Jüngere bleibt in der Einsamkeit des skandinavischen Winters zurück.

„Vanessa steckt voller Geheimnisse“, weiß Charlotta Larsson, die diese Partie schon in Malmö gesungen hat. Mysteriös auch die inneren Beziehungen dreier Frauenfiguren aus drei Generationen, in Tristesse und Hoffnungslosigkeit an Bühnen-Charaktere des russischen Theaterautors Anton Tschechow gemahnend. Für die Sopranistin ist jene junge Frau, die zunächst von Anatol geliebt wird, der den gleichen Vornamen wie sein Vater hat, Vanessas Tochter. Und ihre Mutter wiederum die Geliebte des älteren Anatols, der Vanessa verließ und auf den sie sehnsüchtig wartete.

Klarheit und Wirklichkeitsnähe oberstes Gebot

Zwanzig Jahre habe sie geschwiegen und die Spiegel verhängt, um ihr Alter zu ignorieren, und erst der junge Anatol (Kurt Streit kehrt in dieser Rolle an den Main zurück) bringe wieder Leben in das einsame Landhaus, früher ein Ort der Geselligkeit und der großen Bälle, so Larsson, die Regisseurin Thoma über alles schätzt. Sie sei enorm klug, dringe tief in die psychologischen Bezirke der Bühnenhelden ein. Dabei sei Klarheit und Wirklichkeitsnähe oberstes Gebot.

An Samuel Barber liebt sie vor allem dessen große dramatische Intelligenz. In Ausdruck und Empfindung sei seine Musik zeitlos, die Charaktere in schwierigen existenziellen Situationen genau porträtiere. Das sagt eine Sängerin, die sich in anspruchsvollen Sopran-Partien auskennt, sei’s nun das deutsche, italienische oder französische Fach.

Da bleiben kaum mehr Rollen-Wünsche übrig. Die „Salome“ von Richard Strauss sei noch eine Herausforderung für ihre aufs Lyrische bedachte Stimme. Aber auch Puccinis „Tosca“, denn sie mag das tiefe Eintauchen ins Seelische. Demnächst wird sie die Cio Cio San (Puccinis „Madame Butterfly“) im kanadischen Toronto singen. Dass sie Sängerin werden wollte, wusste Charlotta Larsson schon im zarten Alter von zehn Jahren. Die „Barcarole“, im Schulchor gesungen, war das Schlüsselerlebnis. Kein leichter Weg, „eher ein sich schlängelnder“, bekennt sie.

In Frankfurt gibt die schwedische Sängerin ihr Deutschland-Debüt – und fühlt sich wie im Himmel angesichts der perfekten Abläufe im Opernhaus. Ihre Stimme hält sie fit, indem sie viel in sich hinein hört. „Die innere Balance muss stimmen“, sinniert Larsson, die beim Malen entspannt und viel Kraft in der Natur generiert. Das einfache Leben – abseits allen Opern-Rummels.

Quelle: op-online.de

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