Ungewöhnliche Klangmittel für Rolf Riehms „Sirenen“

Göttliche Ränkespiele

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Rolf Riehm hat in Frankfurt Musik studiert und gehörte dem „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ an.

Frankfurt - Die neue Spielzeit im Frankfurter Opernhaus beginnt mit einer Uraufführung. Rolf Riehm hat „Die Sirenen“ als Auftragswerk für die renommierte Bühne komponiert. Von Klaus Ackermann 

Dass zum Saisonbeginn ein Zeitgenosse zu gutem Ton kommt, hat in der Oper Frankfurt schon Tradition. Diesmal ist es ein Auftragswerk des Frankfurter Komponisten Rolf Riehm, dessen Oper „Sirenen – Bilder des Begehrens und des Vernichtens“ am Sonntag um 18 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz uraufgeführt wird. Die musikalische Leitung hat der Brite Martyn Brabbins, inszenieren wird der Hamburger Tobias Heyder. Als Kirke ist Tanja Maria Baumgartner zu erleben, den jungen Odysseus verkörpert der Countertenor Lawrence Zazzo, den älteren der Film- und Fernsehschauspieler Michael Mendl. Natürlich ist so kurz vor der Premiere auch beim Komponisten Adrenalin im Blut. Immerhin ging Riehm, der in Frankfurt Schulmusik studierte, Komposition beim Freiburger Wolfgang Fortner, der bis 2000 Professor an der Frankfurter Hochschule für Musik war und dem legendären „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ angehörte, an die vier Jahre schwanger mit der „Sirenenstory“ (so der Komponist).

Es geht um die Göttin Kirke, die den geliebten Odysseus ziehen lassen muss und ihm das Geheimnis verrät, wie er dem tödlichen Sog des betörend schönen Gesangs der Sirenen sich entziehen kann. „Nur der griechische Held und der Sänger Orpheus entgingen der grausamen Umarmung dieser Frauen mit Vogelleib und tödlichen Krallen“, weiß Riehm. Der eine ließ sich am Mast seines Schiffes anbinden, der andere übertönte mit seiner allmächtigen Stimme den schmeichlerischen Gesang. Und Kirke, Zentralgestalt der Riehm-Oper, entledigte sich so ihrer Konkurrentinnen, die sterben müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, mit ihrem Gesang die Besucher zu bezirzen, um sie später aufzufressen. Linear werden diese Bilder des göttlichen Begehrens und des mörderischen Vernichtens, für Riehm eine „existenzielle Situation“, freilich nicht verhandelt, eher in Assoziationen auf Altgriechisches, auf Texte der romantischen Außenseiterin Karoline von Günderode, der antiken griechischen Lyrikerin Sappho oder der Tagebuchschreiberin Isabell Eberhardt, die anfangs des 20. Jahrhunderts im Maghreb lebte.

Singende Säge, Gießkanne, Akkordeon und Holzknacken

Dramaturgisch vollzieht sich eine Kreisbewegung, auch in der Musik, die aus vielen Samples besteht. „Das sind Formteile, die sich zu großen Placken zusammenschließen, eher unterschwellig an den Inhalt gebunden.“ Und da ist Riehm nicht prüde: Der Orchesterklang, mit seinen starken dynamischen Kontrasten durchaus sirenenartig – „die Musik ist mit sich selbst uneins, bringt zum Ausdruck, was die Protagonisten durchleiden“, sagt Riehm –, schwappt sogar auf die Bühne über. Singende Säge, Gießkanne, Akkordeon und Holzknacken sind für eine Oper eher ungewöhnliche Klangmittel – und erinnern ein wenig an die Abenteuer des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“. Auch Videoprojektionen und Lautsprechereinspielungen treiben die Szene voran. Riehm berichtet von einem „kleinen, aber anspruchsvollen Konzert auf dem Flügel im Orchestergraben, das auf dem Bühnen-Klavier fortgesetzt wird.

Opernball in Frankfurt (2012)

Opernball in Frankfurt

 Alles in allem mutet die Partitur wie ein akribisch geschriebenes Drehbuch an, mit präzisen Angaben für Dirigent und Musiker, die dies zu schätzen wissen, sagt der Komponist. Die singende Säge spielt übrigens ein Kontrabassist. Bei solch instrumentaler Vielseitigkeit wundert es nicht, dass Frankfurts Opern- und Museumsorchester beim orchestralen Ranking so oft ganz vorn war. Aufführungen finden am 14., 18., 21., 26., September sowie am 2. und 4. Oktober statt.

Quelle: op-online.de

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