Eifer sucht, was Leiden schafft

Offenbach - Othello ist tiefschwarz und färbt ab. Dies war Teil des Konzepts, das Manuel Soubeyrand für William Shakespeares Drama entwickelte. Das Publikum des Offenbach-Gastspiels bei der „Theateressenz“ reagierte begeistert. Von Markus Terharn

Die Feuilletondebatte um das als rassistisch verrufene „Blackfacing“, das Schwarzschminken weißer Schauspieler, war der Württembergischen Landesbühne nicht entgangen. Aber der Text ließ den Esslingern keine Wahl: Dieser „Mohr von Venedig“ muss dunkelhäutig sein. Ist der Unterschied der Hautfarbe doch einer, der nicht nur sichtbar ist, sondern einen Unterschied ausmacht, wie Einführungsvortrag und Programmheft verdeutlichten.

Genug der Theorie: An der praktischen Ausführung hatten die zahlreichen Zuschauer – darunter erfreulich viele Schüler – helle Freude. Sofern der Begriff statthaft ist bei einer der düstersten Tragödien der Weltliteratur. „Eine Welt ohne Liebe“ war bei den Proben an der Wand zu lesen. Was das mit Menschen tut, exerzierte der Regisseur an überzeugenden Charakteren äußerst schlüssig.

Da war zunächst Jago, der finstere Fähnrich, vielleicht Shakespeares abgefeimtester Schurke und die eigentliche Hauptperson des Werks. Dass er bei der Beförderung übergangen wurde, kitzelte seine niedrigsten Instinkte hervor. Dietrich Schulz spielte ihn als ältlichen, verkniffen blickenden Intriganten, der mit leisen Tönen viel Unheil stiftete. Auch sprachlich geriet das in Erich Frieds zeitgemäßer deutscher Übersetzung so eindringlich wie präzise.

Desto lauter Jagos Opfer, Heldengeneral Othello, der mit Eifer suchte, was ihm Leiden schaffte. Nils Thorben Bartling stattete ihn mit beeindruckender Körperlichkeit aus, deren Lack im Lauf des zweidreiviertelstündigen Abends zusehends abblätterte. In der Verzweiflung über die vermeintliche Untreue der Gattin gewann er Größe und Temperament, um am Ende wie ein nasser Sack in sich zusammenzukrumpeln.

Noch ein argloses Opfer: Cassio, statt Jago zum Leutnant avanciert, mit Beatrice Boca gegen den Strich weiblich besetzt. Was einerseits Sinn ergab; verstärkte es doch Jagos Gefühl des Zurückgesetztseins. Und andererseits verwirrte, weil es die angebliche Affäre mit Othellos Frau nicht gerade glaubhafter erscheinen ließ.

Als diese Desdemona war Nora Backhaus erst sinnlich- erotisch, im Angesicht ihres Todes dann Inbild ehelicher Treue – in ihrer differenzierten Darstellung kein Widerspruch. Für die Shakespeare-typische Komik im Kontrast zur Tragik des Geschehens sorgte Nadine Ehrenreich als Jagos naiv plappernde Gemahlin Emilia. Und mehr noch Frank Ehrhardt als geschwätziger Rodrigo, der die Wortwiederholungen nach Art des Tourette-Syndroms zum Markenzeichen seiner Abgänge stilisierte.

Als stimmige Bühne für den Hauptschauplatz Zypern erwies sich das von Michaela Springer entworfene leere Schwimmbecken – mancher dachte ans alte Offenbacher Tambourbad. Die Kostüme, zwischen Militär- und Freizeitanmutung, passten dazu. Wirkungsvoll war die Lichtdramaturgie, Taschenlampen inklusive. Schlüsselszenen hatte Nadine Ehrenreich klug choreografiert.

Zentrale Bedeutung kam der Musik zu: Zum Kabinettstück mutierte das Trinklied, mit dem Cassio perfide zum Alkoholkonsum verführt wurde. Schaurige Akkorde in Manier einer Hitchcock-Film-Partitur untermalten den Schrecken. An Flügel und Gesang leistete Renate Winkler Großes mit vertonten Shakespeare-Sonetten, altenglisch-immergrünen Songs, Kommentaren und Klangeffekten. Mit vollem Recht kam ihr das Schlusswort zu...

Auch für die Mimen war die Vorstellung im Capitol eine besondere – ihre letzte dieses Stücks. Sie hätten sich dafür keine bessere Kulisse wünschen können. Es war ein echter Höhepunkt dieser Reihe von Kulturbüro und Kulturmanagement!

Quelle: op-online.de

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