Panoptikum junger Kunst

Verwirrend: Begehbare Collage des Algeriers „Musée Igor Balut“

Die Ferenbalm-Gübrü Station Karlsruhe zählt zu den jungen Galerien, die ihr Heil in der Flucht nach vorn suchen. Im Umfeld der Staatlichen Kunsthochschule wird nicht konservativ geplant, auf mögliche Akzeptanz im Kunstmarkt spekuliert, sondern experimentiert – mit hohem Risiko für die Betreiber zwar, unbedingt aber mit Gewinn für das Publikum. Von Carsten Müller

Davon können sich zurzeit auch die Offenbacher ein Bild machen, Lukas und Sebastian Baden haben aktuelle Positionen zu einem faszinierenden Panoptikum in der Kunstetage Orth vereint.

Schon im Eingangsbereich empfangen den Besucher Mixed-Media-Installationen von Kinay Olcaytu, Papierbögen, Tüll, Federn, Kunstblumen und Schriftbänder bindet sie zur mannshohen Reminiszenz an traditionellen türkischen Festschmuck. Gegenüber fasst Agustin González auf großformatiger Leinwand mexikanische Lebenswelt in pastos aufgeworfene Farbschichten. Natur und Volksbräuche sind seine Themen auch in den auf dem Malgrund konzentrisch verstreuten Eindrücken einer Deutschlandreise mit dem Titel „Mittagessen“.

Irritierend: Fotografien und Bodeninstallation des Amerikaners John Isaacs

Den formal strengen Kontrapunkt zu dieser expressiven Sinnenfreude setzt Claus Carstensen mit seiner abstrakten Mal-Komposition „America at Work“, ganz in Schwarz und Graustufen gehalten. John Isaacs Bodenskulptur aus rohen Steinblöcken, die mit Farbe und Werkzeugen einen vehementen individuellen Fingerabdruck erhielten, scheint trotz ihrer gravitätischen Schwere von Kettenglieder an der Zimmerdecke gehalten. Daneben zeigt eine High-Key-Aufnahme das hyperrealistische Porträt des traurigen Clowns. Bemerkenswert sind Isaacs' fotografisch dokumentierte Tatort-Arrangements – eine abgetrennte Hand mit HATE-Tätowierung auf den Fingerrücken verstört.

Masahiko Kuwaharas pastellzarte Zeichnungen zoomen menschliche Körperpartien heran. Aus grausamen Spielwelten scheinen Tai Ogawas farbkräftig inszenierte Monster sich befreit zu haben und nun das zivilisatorische Idyll aufzumischen. Gespenstisch wirken auch Dirk Meinzers Totems aus Motten und Fledermäusen, die mit fragilen, korallenartigen Installationen korrespondieren, aus denen hier und dort ein Auge gruselig hervorlugt.

Donna Stolz setzt in Zeichnungen reizvoll architektonische Grundrissen und menschliche Körper in Beziehung. Die aus magischem Farb-Mahlstrom entstehenden Spraypaint-Bildwelten der Künstlerin Indra bevölkern Zwitterwesen, die als Adam und Eva vom Comic-Baum der Erkenntnis naschen. Gleicher Technik bedient sich Christof Kohlhöfer, ín Offenbach kein Unbekannter, der in Popart-Manier virtuos amerikanische Eigenheiten aufgreift und mitunter sarkastisch kommentiert.

„Kamehameha“ bis 17. April im Offenbacher Kunstraum Orth, Frankfurter Straße 59. Geöffnet: Samstag und Sonntag von 11 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 069/810044.

Ulises Figueroa hat eine fabelhafte Fauna entworfen, in der menschliche Kleidungsstücke und Tiere zu hybriden Umweltfantasien verschmelzen. Kupferstiche deklinieren Reptilien und Drachen wie im Nachschlagewerk, in einer Ecke des Raums schwebt ein Mobile aus Turnschuh-Haien und einem aus brasilianischem Nationaltrikot gemachten Rochen – natürlich mit der Rückennummer 10.

Gegen solch perfektionistisch ausgearbeitetes Tierleben wirkt Christian Ertels Installation aus Neonröhren und Styroporbrocken unperfekt und wie soeben verlassen. Unwillkürlich sucht man den Künstler, der Elektroteile sowie Verpackungen liegen gelassen und scheinbar nur für kurz den Raum verlassen hat.

Staunen macht die Vielschichtigkeit von Samara Goldens multimedialer Installation „Yes no party“ sogar auf dem zweidimensionalen C-Print, die ihre räumliche Entsprechung im „Musée Igor Balut“ findet, einer begehbaren Collage, zu der auf Wäscheleinen gehängte T-Shirts führen. Allein dieser Raum mit seinen plakativen Bekenntnissen und vielfachen ironischen Kunst-Brechung erfordert viel Zeit, die man beim Besuch dieser äußerst vielschichtigen Ausstellung unbedingt mitbringen sollte.

Quelle: op-online.de

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