Passioniert, aber nicht pathetisch

Die Tage ohne klassisches Theater sind nun zu Ende. Mit Friedrich Schillers „Don Carlos“ erlebte das Publikum im Offenbacher Capitol einen Abend, der an die gute alte Zeit des Gastspielbetriebs anknüpfte. Und die Resonanz bei Bildungsbürgertum und Schülerschaft bewies, dass es ein Publikum für dieses Angebot gibt. Von Markus Terharn

Auf der Bühne hat das Schmerzensstück des Dichters, das ihn ein halbes Leben lang beschäftigte, stets besser reüssiert als in der Germanistik. Um mit drei Stunden auszukommen, musste Dramaturg Christian Scholze vom Westfälischen Landestheater trotzdem etliche der 5370 Verse opfern. Ihm gelang aber eine mundgerechte Fassung ohne große Längen, die das Feuer des Verfassers und die Schönheit seiner Sprache bewahrte.

Manche Inszenierungen werfen die Frage auf, wieso das Werk nicht „Marquis Posa“ heißt – in der auf neun Personen konzentrierten Regie Ralf Ebelings müsste es den Titel „König Philipp“ tragen. Der spanische Monarch, in dessen Reich die Sonne nie unterging, beherrschte auch die Bretter, die Jeremias Vondrlik mit verschiebbaren Wandelementen zustellte. Diese bildeten mal einen Palast, mal ein Labyrinth, mal einen Käfig für die modern gekleideten Figuren.

Mit dem Machtzentrum bei Hofe hätte niemand tauschen wollen. Im Konflikt mit seinem Sohn, der die Gattin des Königs liebt, von dieser nicht begehrt, von seiner Kamarilla umlagert, war Philipp, anders als oft, kein Scheusal, sondern ein Mensch; ein zutiefst unglücklicher. Andreas Wobig genügten eine Handbewegung, ein Zucken der Mundwinkel, um alle Regungen zu spiegeln. Seine Darstellung besaß tragisches Format.

Als Infant Carlos war Dennis Laubenthal temperamentvoller Widerpart ohne falsches Pathos, mit echter Passion. Guido Thurks Posa steigerte sich erst gegen Ende vom Ideenträger zum Helden der Freiheit und Freundschaft. Die Damen verkörperten Julia Gutjahr als edle Elisabeth mit Leidenschaft, Lilija Klee als intrigante Eboli mit List. Markus Kloster war ein aasiger Priester Domingo, Francesco Russo ein brutaler Herzog von Alba, Kristoffer Keudel ein öliger Graf Lerma, Vesna Buljevic ein fürchterlicher weiblicher Großinquisitor.

Wer in der Pause vor der Kühle im Saal floh und nicht, wie viele andere, in Jacke oder Mantel zurückkehrte, verpasste die Arbeitsaufnahme der Heizung. Und die beiden letzten Akte einer hochkonzentrierten „Theater-Essenz“.

Quelle: op-online.de

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