Peter Eötvös’ „Der goldene Drache“

Welttheater im Asia-Imbiss

+
Fünf Vokalsolisten teilen sich in dem zwischen Kabarett und absurdem Theater changierenden Stück 18 Rollen.

Frankfurt - Töpfeschlagen und Schüsselklappern gehören längst zur Akustik des globalisierten Protests. Genau damit startet der 1944 geborene Komponist Peter Eötvös in sein jüngstes Musiktheaterstück. Von Axel Zibulski 

Die fünf Sänger und 16 Instrumentalisten, die in „Der goldene Drache“ mitwirken, nehmen damit die Szene für sich ein. Ein starker Auftakt für das Musiktheater, das auf dem gleichnamigen fünf Jahre alten Erfolgsstück von Roland Schimmelpfennig basiert. Und das jetzt im Bockenheimer Depot zur Uraufführung kam, als Auftragswerk des Ensemble Modern und in einer Koproduktion mit der Oper Frankfurt.

Ein politisches Stück also? Zumindest ein nicht immer politisch ganz korrektes. Winkekatzen, ein Riesendrache, Schlitzmasken: Einmal ganz tief in die Fernost-Klischeekiste haben Regisseurin Elisabeth Stöppler und ihr Bühnenbildner Hermann Feuchter für die Ausstattung gegriffen. Einem Illegalen, der in einem Asia-Imbiss arbeitet, wird ein schmerzender Zahn gezogen, so brutal, dass er verblutet. Zur Zange greift eine Stewardess: Sarkastisch und heiter, politisch und tragisch ist das. Und immer: starkes, kräftiges Theater. Musiktheater, nicht Oper. Denn Eötvös hat den Text Schimmelpfennigs zwar um mehr als die Hälfte gekürzt. Aber er lässt die Darsteller in Echtzeit und ungekünstelt sprechsingen, mit Mikrofonen, klar und verständlich.

Kein Lehrstück mit erhobenem Finger

Der kariöse Zahn landet im Essen einer anderen Stewardess, die sich nicht mehr von ihm trennen mag, in der Zahnlücke macht sich die Familie des jungen Illegalen Platz: Irgendwo zwischen Kabarett und absurdem Theater ist „Der goldene Drache“ angesiedelt, kein Lehrstück mit erhobenem Zeigefinger, und doch gleißend aktuell. Eötvös, der die Uraufführung seines sechsten Musiktheaterwerks persönlich leitete (und dafür vom Publikum gefeiert wurde), bevorzugt ohnehin eine kunstvoll-unverstellte Musik mit erkennbarer Symbolik – zur Operation etwa jaulte die Solo-Posaune.

Das Ensemble Modern bat Peter Eötvös um ein Stück, das sich, klein besetzt, gut auf eine Tournee mitnehmen lässt. Dass die fünf Vokalsolisten 18 Rollen spielen, ist aber keineswegs nur der Bühnenökonomie geschuldet. Tenor Simon Bode gibt Großvater und Kellnerin, eine Tante und eine Grille, die wiederum von einer kapitalistischen Ameise gemobbt wird, gesungen von Hedwig Fassbender, die auch eine alte Köchin oder eine chinesische Mutter gibt. Die Rollen hängen wie lose Kleider an den Darstellern, Alters- oder Geschlechtszuweisungen sind aufgehoben, etwa bei den Stewardessen (hinreißend: Hans-Jürgen Lazar und Holger Falk). Die indisponiert, aber bravourös sicher singende Kateryna Kasper („Der Kleine“) war das Opfer dieses Welttheaters im Asia-Imbiss. Die musikalische Leitung der Folgevorstellungen wird Hartmut Keil übernehmen. Weitere Vorstellungen am 1., 4., 6., 7., 9. und 11. Juli. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare