Phänomen Amoklauf ergründet

Irgendwann zieht Fabien Prioville im Theatersaal des Frankfurter Mousonturms sich sein T-Shirt über den Kopf und bindet es so stramm zusammen, dass er der augen- und seelenlosen Figur gleicht, die durch das Computerspiel „Grand Theft Auto“ stakst und Menschen abballert. Das Bild ist eindeutig:

Er sieht die äußere Welt nicht mehr, statt dessen erobern die virtuellen Pixelwelten des Computerspiels seinen Kopf. Und die Videoprojektionen, die Uli Sigg aus dem Computerspiel für Prioville zusammengeschnitten hat, sind nun omnipräsent. So also stellt sich Prioville vor, wie es im Kopf eines Amokläufers aussieht.

Fabien Prioville, der unter anderem mit dem Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch aufgetreten ist und mit dem Ensemble La La La Human Steps arbeitete, hat sich mit „Jailbreak Mind“ seine erste abendfüllende Choreografie auf den Leib geschneidert, koproduziert vom tanzhaus nrw und Trafó Budapest. Der Franzose möchte darin tänzerisch erforschen, was im Kopf eines Amokläufers vor der Tat passiert und wie die gewalttätigen Welten der Videospiele zu einem Realitätsverlust beitragen. Ausgangspunkt war dabei für Prioville der Fall eines jungen Japaners, der mehre Menschen mit dem Messer getötet hat.

In seinem einstündigen Solo „Jailbreak Mind“ zeichnet Prioville die Entwicklung vom vereinsamt erscheinenden Mann, der zögerlich die Finger zur Waffe krümmt, hin zu der „Killerfigur“ nach. In einer der stärksten Sequenzen nimmt er die leicht verruckelten und abgehackten Bewegungen der computeranimierten Figur auf, rutscht auf den Knien vor, lässt die Arme zucken, und hat den mechanischen Bewegungen alles Menschliche ausgetrieben.

Tatsächlich trägt Priovilles Idee die Choreografie größtenteils, und in dem inszenierten Kurzschluss zwischen Computerspielen und Bühnenwelt macht er mit löblich unspektakulären Mitteln deutlich, dass auch die Figur, an die sich Prioville tanzend herantastet, eine Blutspur hinter sich herzieht, als sich seine Welt und virtuelle Welt vermischen.

Dem Phänomen Amoklauf kommt Prioville allerdings mit dieser Arbeit nicht auf die Spur – auch wenn in schöner Regelmäßigkeit nach einem Amoklauf laut gerufen wird, dass die sogenannten „Killerspiele“ verboten werden sollen. Im Gegenteil: Angesichts solcher Taten erscheint die von Prioville auf die Bühne choreografierte Welt dann doch geradezu erschreckend schlicht.

abi

Quelle: op-online.de

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