Dalands Kahn in Seenot

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Neu auf der Brücke: Samuel Youn (rechts) überzeugt als Einspringer für Evgeny Nikitin.

Bayreuth- Schuldenuhren ticken unaufhörlich auf der Bühne. Doch die Neuinszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen hat auch Gewinner. Von Klaus Ackermann

Allen voran der kurzfristig für Evgeny Nikitin eingesprungene Samuel Youn, als Titelheld keineswegs nur Ersatz. Und natürlich ein Christian Thielemann, der – unbeirrbar von szenischen Ungereimtheiten – die romantische Opern-Saga von stürmischen in ruhige Gewässer überführt und zurück. Erntete der begnadete Wagner-Dirigent und seine hochklassigen Gesangssolisten Bravos, so entlud sich über Jan Philipp Glogers Regie-Team ein berechtigter Buh-Sturm. Zu leichtfertig hatten sie einen guten Inszenierungsansatz verspielt.

Schon die Ouvertüre hat zwischen Sturmesbrausen und Liebesgesang einen gefährlichen Unterton, den Thielemann dynamisch mitschwingen lässt, der Emotionen klanglich zu schüren versteht, wie er die Chor-Schlager lustvoll betont und seine Gesangsprotagonisten unmerklich steuert. Wieder einmal drängt sich der Gedanke auf: Wenn der Pultstar Impulse versendet, wächst das Festspielorchester über sich hinaus.

Holländer bekommt monumentalen Bühnenbau

Ohne einen monumentalen Bühnenbau (Christof Hetzer) kommt in Bayreuth auch ein „Holländer“ nicht aus, der bei Wagner als geisterhafter Seemann Weltmeere durchmisst und nur alle sieben Jahre erlöst werden kann von einer treu liebenden Frau. Aus dem steilen Felsen ist ein metallenes Gerüst geworden, auf dem Neonlicht blitzt und schnell wechselnde Zahlenfolgen über die Weltwirtschaftskrise Auskunft geben – Kanzlerin Merkel, wie immer in Bayreuth, dürfte geseufzt haben. Unterm modernistischen Bau haben sich Kapitän Daland und sein Steuermann (Tenor Benjamin Bruns, feinstimmig den Südwind lockend) in Seenot auf ein Rettungsboot geflüchtet – in Business-Anzügen, versteht sich (Kostüme: Karin Jud). Wie jener unheimliche Seemann, der einem mit Geld gefüllten Trolley hinter sich herzieht.

Schon in seiner ersten effektvollen Arie strahlt Samuel Youn nicht nur Sicherheit ab, sein wohlgerundeter Bariton macht auch emotionalen Druck, den er freilich nicht bis zum Ende durchhalten kann. Bei Gloger, Leitender Regisseur am Staatstheater Mainz, ist er eine Art umtriebiger Industriekapitän, der sich nach dem ruhigen (Ehe-) Hafen sehnt. Und wird mit Daland (Franz-Josef Selig mit hochwertigem wie geschmeidigem Bass) schnell handelseinig, der fürs große Geld sogar seine Tochter hergibt.

Nicht aus Pappe

Die hat sich schon träumerisch auf den neuen Mann in ihrem Leben eingeschworen. Inmitten von Packerinnen einer Ventilatoren-Fabrikation. Von wegen Wagners Spinnrad: Die Schiffschraube scheint zum frischen Wind erzeugenden Propeller mutiert. Und Senta, von ihrer Amme (Christa Mayer) argwöhnisch beäugt, bastelt in kindlicher Anmutung zur dramatischen Ballade vom verfluchten Seemann und seiner Erlösung diesen samt Boot aus Karton.

Nicht aus Pappe: der dramatisch druckvolle Sopran der Kanadierin Adrianne Pieczonka, auch ausdrucksstark und immer intonationsrein. Ein Engel, der sich selbst Flügel anlegt und dem auch als überlebensgroßer Schatten präsenten Holländer Treue bis in den Tod schwört. Dann wirkt Senta im blutroten Kleid mit erhobener Papp-Fackel wie eine Freiheitsstatue.

Dass Gloger, der sein Personal mehr platziert als führt, anders kann, zeigen einprägsame und aktionsreiche Massenszenen, einmal mehr die hohen Qualitäten des von Eberhard Friedrich einstudierten Festspielchors dokumentierend, in dessen Afterwork-Party („Steuermann lass die Wacht“) geisterhafte Gestalten einbrechen.

Doch gegen ein Happyend hat Wagner den Jäger Erik (Michael König, im grauen Kittel, aber mit tenoraler Leuchtkraft) gesetzt, der bei Senta auf ältere verbriefte Rechte pocht. Die legt flugs ihre Engelsflügel an, ersticht sich in gebotener Eile und posiert mit dem nun neuerlich verfluchten Holländer auf einem Pappkarton-Sockel. Während Dalands Steuermann noch ein Erinnerungsfoto schießt, wird auf der Videoleinwand ein neuer Ventilator propagiert. The show must go on. Auch in Bayreuth.

Quelle: op-online.de

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