Inszenierung von „Cassandrino“ ist der Höhepunkt der Hanauer Grimm-Festspiele.

Philosophieren über Zitronenhälften

Mit der rasant-spitzigen und aktionsreichen Sommerkomödie „Cassandrino, der Meisterdieb“ wird bei den Brüder-Grimm-Festspielen erstmals ein italienisches Märchen gezeigt.

Wenn es ein Wagnis gewesen sein sollte, bei den Brüder-Grimm-Festspielen erstmals ein Märchen aus einem anderen Kulturkreis zu präsentieren, so ist es geglückt. Und wie! Die temporeich und intelligent inszenierte Komödie „Cassandrino, der Meisterdieb“ ist Höhepunkt der diesjährigen Hanauer Festspiele und eine Perle in der 25-jährigen Geschichte des Festivals.

Bei der Premiere gab es begeisterten Beifall.

Giovanni Francesco Straparola, der „Cassandrino“ in seine um 1550 erschienene Sammlung „Piacevoli Notti“ („Ergötzliche Nächte“) aufnahm, gilt als einer der ersten Märchensammler Europas. In abgewandelter Form tauchte sein „Meisterdieb“ 270 Jahre später in der Grimmschen Sammlung auf.

Intendant Dieter Gring, der die Bühnenfassung geschrieben hat und Regie führt, greift auf Straparola zurück. Bei diesem geht es um Cassandrino, einen liebenswerten Taugenichts, der den Reichen nimmt, den Armen gibt und den Frauen in Perugia reihenweise den Kopf verdreht. Dass er nicht am Galgen endet, verdankt er seinem väterlichen Freund, Richter Don Flavio, der ihm drei Prüfungen auferlegt. Mit List und Witz meistert Cassandrino die Herausforderungen – und wird am Ende ein rechtschaffener Mann.

Gring hat das Märchen um eine Liebesgeschichte und eine raffinierte Intrige erweitert. Er hat ein furioses Buch geschaffen, das mit originellen, heiteren Dialogen, skurril-witzigen Zwischentönen, frivolen Andeutungen und unglaublicher Dichte aufwartet. Das Ganze bringt er in filigraner Regie auf die Bühne. Da laufen Handlungen zum Teil parallel, wird oben mit Degen gefochten und unten munter gefeixt, da hängt ein Diener weinselig und hilflos im Wortsinne in der Luft, während daneben Liebesbande geknüpft werden, da philosophiert ein Diener köstlich über sein Dasein und Zitronenhälften, da befördern Cassandrino und sein Freund im Engels- und Teufelskostüm den Pfarrer vermeintlich ins Himmelreich. Mit einer Fülle spritziger Ideen treibt Gring die Handlung voran und schafft mit Statisten in italienischen Masken effektvolle Bilder, dass es eine Freude für Auge und Ohr ist.

Welch grandiose Text- und Regiearbeit er liefert, lassen die 17 Darsteller spüren, die vor Spielfreude sprühen. Selten hat es bei den Festspielen eine so beeindruckende Ensembleleistung gegeben. Sonderlob verdienen sich Klaus Philipp als Cassandrino, der nuancenreich agierende Helmut Potthoff als Richter sowie Christian Furrer als liebenswert unbedarfter Freund Giacomo, Detlef Nyga als Diener, Nadine Buchet als Zofe und Verena Wüstkamp als Giulietta mit ihrer selbstbewusst-resoluten Liebe zu Cassandrino.

Die köstliche Sommerkomödie bietet beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Das verdient das Prädikat „absolut sehenswert“.

„Cassandrino“ ist nochmals von 15. bis 18. Juli sowie am 30. und 31. Juli zu sehen. Die Brüder-Grimm-Festspiele mit vier verschiedenen Stücken dauern bis zum 2. August.

CHRISTIAN SPINDLER

http://brueder-grimm-maerchenfestspiele.de

Quelle: op-online.de

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