Pistolen an der Wand

Sinngemäß hat der russische Dramatiker Anton Tschechow einmal gesagt: Eine Pistole, die im ersten Akt eines Stücks an einer Wand hängt, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden. Von Astrid Biesemeier

Es gibt Zeichen im Theater, die Fährten legen, Dingen eine Funktion zuschreiben. Sieht man beispielsweise einen Sonnenbrand auf dem Rücken eines Tänzers oder Darstellers, erwartet man, dass sich im Lauf der Inszenierung zeigt, warum er dort ist oder wie er dorthin kam und warum der Sonnenbrand überhaupt nötig ist. Umso mehr, wenn das Setting extrem realistisch ist, wie in der deutschen Erstaufführung von „We Was Them“, einer Choreografie des Belgiers Hans van den Broeck und der Compagnie SOIT (Stay Only If Temporary) im Frankfurter Mousonturm.

Da ist sehr aufwändig ein verrottetes kleines Schwimmbecken auf die Bühne gebaut worden, auf dessen Wasser Blätter schwimmen, ein paar Bungalows mit Türen, die den Charme einer heruntergekommenen Motel-Anlage ausstrahlen. Der Bühnengrund täuscht mit einer ebenfalls realistisch gemalten Häuseranlage zwischen Büschen und Pflanzen eine Fortsetzung der Szenerie vor. Und dann ist da eben noch einer der Tänzer mit einem Sonnenbrand auf dem Rücken, der so stark ist, dass es sogar weh tut, wenn er sein Hemd auszieht.

Thema der Bindung zwischen Geisel und Entführer

„We Was Them“, das im Zuge des internationalen Tanzfestivals Cutting Edge Move gezeigt wurde, beginnt also sehr typisch. Da werden – um es mit Tschechow zu sagen – immer wieder neue Pistolen an die Wände gehängt. Nur werden sie gar nicht abgefeuert. Dabei soll es doch in der für van den Broeck charakteristischen, sehr physischen Choreografie um das Stockholmsyndrom gehen, also die ebenso paradoxe wie irrationale enge Bindung, die bisweilen zwischen Geisel und Geiselnehmer entstehen kann.

Zwar fallen Sätze in englischer Sprache wie „Ich bin nicht ich“ oder „Ich habe meine Seele verloren“. Und es gibt einiges Gerangel zwischen den fünf Tänzern, wobei Täter und Opfer irritierenderweise ständig wechseln. Das anfangs aufgebaute Versprechen einer Geschichte löst sich nie ein, obwohl immer neue Szenen scheinbar etwas erzählen wollen – flatternde Tauben, Rollschuhfahren mit Häuptlingsfedern, Spiel auf einem Miniaturflügel. Doch sie verkommen zu bloßen Effekten und erwecken den Eindruck, dass sie die Inszenierung lediglich optisch und actionmäßig etwas aufpeppen sollen.

Und so ist es mit diesen Einfällen wie mit dem Sonnenbrand auf dem Rücken des Tänzers: Gäbe es ihn nicht, man würde ihn nicht vermissen. Schade.

Quelle: op-online.de

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