Kunst und Konsumwelt

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Stunde der Aktivisten: Keith Haring setzte sich mit „Ignorance = Fear“ 1989 für die Aids-Vorbeugung ein.

„Ich bin für eine Kunst von Dingen, die andere verloren oder weggeworfen haben …Ich bin für Cool-Kunst, Normalpreis-Kunst, Reif-und-saftig-Kunst, Schnellgericht-Kunst …“ schrieb der amerikanische Pop-Art-Pionier Claes Oldenburg 1961 in seinem Manifest. Von Reinhold Gries

Was es mit dieser in den 50ern auch als Reaktion auf abstrakt-expressionistische US-Kunst entstandenen „popular art“ auf sich hat, kann man in den Opelvillen studieren.

Wie ein künstlerisches Schnellgericht wirkt keine der 100 großformatigen Grafiken, die aus Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe und aus der Sammlung Von der Osten nach Rüsselsheim gekommen ist. Motive aus großstädtischer Konsum- und Kunstwelt sind in „Güteklasse-A-Kunst“ verwandelt und längst tief verwurzelt in heutigem Sehen und Bewusstsein.

Rote, blaue und gelbe Formen und Linien

Ein Saal stellt Plakataufträge der New Yorker Kulturzeitschrift „Paris Review“ an 25 bildende Künstler vor. Nicht nur, wie Jim Dine und James Rosenquist Plakatflächen für experimentelle Farb- und Form erkundungen nutzen und Andy Warhol die Ästhetik einer beschriebenen Quittung ins Siebdruck-Blickfeld rückt, ist originell. Raffiniert klappt Nicholas Krushenick Malflächen auf, um rote, blaue und gelbe Formen und Linien über das Blatt zu wölben, prägnant drückt sich Allan D’Arcangelo in der Formensprache moderner Schilder aus.

Robert Rauschenbergs Plakatentwurf für das Saint Louis Symphony Orchestra aus dem Jahr 1968

Den Großen der Pop-Art sind eigene Räume gewidmet. Jasper Johns’ Plakate wirken sogar malerisch, wenn er Schießscheiben, US-Flaggen, Buchstaben und Zahlen benutzt. Sein Kaffeedosen-Stillleben mit Malerpinseln vibriert in virtuosen Hintergrundschraffuren. Monumentaler Comic-Stil samt Sprechblasen ist Roy Lichtensteins Markenzeichen. Beim gestisch-abstrakten Brushstroke-Plakat bricht der Maler durch, während gleichmäßig gesetzten Farbpunkte – herrliche Parodien zum Action Painting – und das „Crying Girl“ von 1963 Ikonen der Moderne sind. Warhol, die Pop-Art-Kultfigur überhaupt, ist mit starkfarbigem Liz-Taylor-Porträt von 1965 vertreten, wie die „Flowers“ von 1964 eines seiner Poster-Frühwerke. Zu ähnlicher Popularität wie Warhols Monroe-Gesichter, knallbunter Mao Zedong und schön gereihte „Cows“ haben es witzige Strichmännchen und „Radiant babies“ Keith Harings gebracht.

Buchstabenbilder bis ins Jetzt

Sie laufen nicht nur über Plakate zu „Free South Africa“ (1985) und das Safer-Sex-Poster „Ignorance=Fear“ (1989), sondern auch über Wände der Villa. Bis ins Jetzt hat Robert Indiana die plakativen Zeichen- und Buchstabenbilder der 60er weitergeführt. Vom schon klassisch modernen „Love“-Plakat von 1966 zum Obama-Wahlkampf-Poster „Hope“ von 2008 ist der Weg nicht weit, das kippende O inbegriffen.

„American Pop Posters” bis 28. November in den Opelvillen Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9. Geöffnet: Mittwoch 10-21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr

Nicht so eingängig, aber künstlerisch überragend sind auch Arbeiten weniger stark vermarkteter Pop-Artisten. Allen voran die scharf umrissenen Mensch-Korsett-Gebilde des gebürtigen Nürnbergers Richard Lindner, deren maschinenmäßig konstruierte Körperteile Bauhaus und Dada in die 50er/ 60er führten. Hochkarätige Collagekunst bringen Robert Rauschenbergs Entwürfe für das St. Louis Symphony Orchestra oder den „Earth Day“ 1970. Auf feinen Zeichnungen und expressivem Bildverständnis basieren auch Dines Poster.

Oldenburgs zum Haus auf Stelzen verwandelter Monumentalstecker spielt wie seine Assemblagen mit der Wahrnehmung. Rosenquists fehlproportionierte Kombinationen von Glühbirnen, Haartrocknern, Atompilzen und Jagdbombern bedürfen keines Kommentars. Kunst, die frisch und aktuell ist wie eh und je.

Quelle: op-online.de

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