Plakativer Politthriller

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Rampensingen nach Stadttheater-Manier bot die nach Wiesbaden eingeladene Produktion aus Tel Aviv.

Wiesbaden - Rasche Kamerafahrten legen sich als Videoprojektionen auf die Bühne: Das Produktions-Team der Israeli Opera war an die römischen Originalschauplätzen von Giacomo Puccinis „Tosca“ gereist, um Filmsequenzen für die Aufführung der Oper aufzunehmen. Von Axel Zibulski

Vor drei Jahren hatte Hugo De Anas Inszenierung in Tel Aviv Premiere; nun gastierte sie bei den Internationalen Maifestspielen Wiesbaden. Warum, blieb schleierhaft.

Denn zu sehen war eine Inszenierung, die an gut abgestandenes Stadttheater-Repertoire erinnert, ein Kostümfest mit Rampenstehen, szenischem Sakralkitsch im „Te Deum“ des ersten Aktes, einer ganz schwach ausgeprägten Personenführung. Und eben jener Videoflut, die sich erst im dritten Akt, zur frühmorgendlichen Hinrichtung des Malers Cavaradossi, dramaturgisch einigermaßen schlüssig der Szene anpasste. Schreitende Stiefel oder bedrohliche Totalaufnahmen vom Fuß der Engelsburg waren da zu sehen, nachdem für den ersten Akt nahezu jede Ecke aus der römischen Kirche St. Andrea und im zweiten aus dem Palazzo Farnese abgefilmt schien.

Musikalisch konnte die Aufführung im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters die weitgehende Abwesenheit der Regie nicht ausgleichen: Puccinis Diva Tosca, die unter dem Eindruck der Folter ihres Freundes Cavaradossi das Versteck eines politischen Gefangenen preisgibt, wirkte bei Michèle Crider längst nicht mehr gut aufgehoben. Criders aus dem Fokus geratene, ungenaue Stimmführung, die überdramatische Schärfe ihres Soprans ließen ein differenziertes Rollenporträt nicht zu. Dass sie von einzelnen Besuchern nach ihre Arie „Vissi d’arte“ heftig ausgebuht wurde, der Tenor Kamen Chanev später hingegen mit Ovationen gefeiert wurde, ließ am Differenzierungsvermögen des Publikums allerdings nicht weniger Zweifel aufkommen: Teils bellend laut und vor allem als Kraftprobe legte Chanev die Partie des Cavaradossi aus; Ko Seng Hyoun blieb ein baritonal matter, schmaler Scarpia.

Der Chor der Israeli Opera und, mehr noch, das Israel Symphony Orchestra Rishon LeZion boten unter der Leitung ihres Chefdirigenten David Stern einen plakativ-pauschalen Gesamteindruck, ruppig auf Effekt zielend, jedoch mit zahlreichen unpräzisen Einsätzen, schwach ausgearbeiteten Solo-Passagen und wenigen Zwischentönen. Die zweite bei den Maifestspielen gezeigte Gastspielproduktion der Israeli Opera kann also nur spannender werden: Am 4. Mai steht im Staatstheater Wiesbaden Gil Shohats 2010 in Tel Aviv uraufgeführte Oper „The Child Dreams“ auf dem Programm.

Quelle: op-online.de

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