Grimm-Festspiele

Platte Küchen-Sprüche

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Brüderchen und Schwesterchen in der Hanauer Märcheninszenierung „Swanhwita“: Catrin Omlohr und Marius Schneider.

Hanau - Ja, es gibt beeindruckende Bilder und starke Szenen in „Swanhwita“, der schwedischen Version des Grimmschen Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“. Von Christian Spindler

Etwa den poetischen Moment, wenn ein Brief vom Bruder zur Schwester von einer Erzählebene zur anderen flattert, während beide abwechselnd den Inhalt vorlesen. Oder den Kampf von Bruder Arvid (Marius Schneider) mit einem Riesen (Detlev Nyga). Oder eine hinreißende Ballade (Musik: René Di Rienzo) der beiden Hauptdarsteller. Oder eine effektvoll dramatisierte, stürmische Schiffsüberfahrt. Und doch bleibt ein äußerst zwiespältiger Eindruck nach der Premiere der vierten Produktion bei den Hanauer Brüder-Grimm-Märchenfestspielen im nur halb gefüllten Amphitheater. Das ist vor allem manchen Ungereimtheiten und Brüchen sowie unnötigen Plattheiten geschuldet.

Seit einigen Jahren ist es beim Hanauer Festival, das zuletzt 61000 Zuschauer hatte, üblich, neben den klassischen Grimm-Stoffen auch Märchen aus anderen Kulturkreisen auf die Bühne zu bringen - ein durchaus interessantes Konzept.

Ellen Schulz (Buch und Regie) hält sich in ihrer Inszenierung weitgehend an die Vorlage des schwedischen Märchens „Jungfrau Swanhwita und Jungfrau Räfrumpa“ aus der Sammlung von Gunnar Hyltén-Cavallius und George Stephens. Dort entflieht im Gegensatz zur Grimm-Version das Brüderchen Arvid alleine von der bösen Stiefmutter (herausragend: Barbara Bach) und deren nicht minder hintertriebener und von einem Brunnengeist mit Hässlichkeit verwunschener Tochter Räfrumpa (herrlich schrill und blasiert: Pierre Humphrey). Anders als bei den Grimms, wo die Stiefmutter als Hexe den Bruder in ein Reh verwandelt, kämpft sie in „Swanhwita“ mit übelster Hinterlist. Dafür gibt es eine zauberkräftige Meerfrau (Claudia Brunnert), die Swanhwita (stark: Catrin Omlohr) in eine Ente verwandelt. Hier wie da siegt freilich am Ende das Gute, bekommt die Schwester den König (Hartmut Schröder) zum Gemahl.

Obwohl die Hanauer Inszenierung recht temporeich daherkommt, verstrickt sich Schulz immer wieder in aufgepfropfte Einzelszenen und in stellenweise unsäglich flache Dialoge, etwa wenn König und Koch abgedroschene Sprüche über Frauen und Ehe austauschen. Und sie lässt den König beim Anblick eines Swanhwita-Medaillons doch tatsächlich die Arie aus der Zauberflöte anstimmen („Dies Bildnis ist bezaubernd schön“) während er völlig unvermittelt seine Heiratsabsicht kundtut. Dazu kommt plump injizierte Umwelt-Pädagogik oder eine an TV-Köche erinnernde Küchenszene. So etwas hat man als humorige Sequenz schon oft und vor allem viel besser gesehen. Manches geht auch einfach nicht auf. Da kündigt die verschmähte hässliche Stiefschwester Räfrumpa plötzlich an, sie wolle nun zu sich stehen und sein wie sie ist. Aber was passiert? Nichts. Die Geschichte ist da längst der Gefahr erlegen, dass man einfach aus der Handlung aussteigt.

Ah ja, die Bilder. Die wirken auch wegen vieler herrlicher Kostüme (Ulla Röhrs). Dass sich die durchweg guten Darsteller ansonsten aber immer wieder vergeblich bemühen auf der zweite, erhöhten Spielebene so etwas wie Intensität zu erzeugen, liegt auch am Bühnenbild. In dieser Produktion wird besonders deutlich, wie wenig tauglich die diesjährige stark stilisierte Kulisse für eine Freilichtbühne ist.

Am Ende gelingt Ellen Schulz mit einem Stück im Stück - Shakespeares „Hamlet“ lässt grüßen - eine vertibale Szene im Stile der Commedia dell´ arte. Den äußerst zwiespältigen Gesamteindruck kann aber auch das nicht wettmachen. Die Hanauer Festspiele haben schon deutlich Besseres geboten.

  • Weitere Aufführungen: 29. Juni sowie 3., 14. und 18. Juli. Die Brüder-Grimm-Festspiele mit vier Stücken laufen noch bis bis 21. Juli Programmübersicht

Quelle: op-online.de

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