Plötzlich sprechen alle Chinesisch

Die Wiederholung ist ein wesentliches Element im choreografischen Repertoire des Gründers und Leiters der Compagnie Neuer Tanz. Diesmal greift VA Wölfl im Frankfurter Mousonturm den uramerikanischen Cowboymythos auf und setzt ihn in eine Beziehung zur kriegerischen Aktion. Von Stefan Michalzik

Ein Tanzpaar in schwarzem Anzug und Kostüm mit Cowboyhüten tritt eingangs in Erscheinung und tanzt in spiegelbildlicher Gegenüberstellung eine kurze Bewegungssequenz, deren stetige Wiederholung dem harschen Industrialbeat der Musik entspricht.

Mit „Neues Stück“ ist der Abend neutral überschrieben, mit dem Zusatz „Frankfurter Fassung“, samt Zählung in „Auflagen“ für die einzelnen Vorstellungsunikate. Im Video sind bald Soldaten in Uniform beim Tanzvergnügen zu sehen, mit der Waffe oder vor der Kulisse eines Panzers. Das Finale zeigt videospielähnliche Fernsehbilder aus dem ersten Golfkrieg.

Vorerst aber hat sich die Zahl der Cowboyhutträger vervielfacht auf acht Männer und Frauen, die den Vorgaben eines Squaredance-Videos folgen. Auf Drehtellern postierte Metallgestelle werden zu Fall gebracht. Und plötzlich sprechen alle Chinesisch.

Seit jeher überschreitet der von der Bildenden Kunst kommende VA Wölfl die Grenzen des Theaters. Seine Arbeiten sind zugleich eine Rauminstallation. Die wechselnden Farben und Intensitäten des Lichts würden durchaus als Beitrag zur gerade beendeten Luminale taugen. Zudem hat man es teilweise mit einem inszenierten Konzert zu tun. Die Tänzerinnen und Tänzer formieren sich zu einem von einer Sopranistin geleiteter Keyboard-Chor und spielen fragmentierte Teile aus Arnold Schönbergs Melodram „Erwartung“, in die sich das Wiederholungsmotiv aus John Coltranes Jazzklassiker „A Love Supreme“ einschleicht. Politik ist für VA Wölfl der Anlass zu einer an der Form orientierten künstlerischen Auseinandersetzung, nicht zur plakativen Bildfindung.

Kompositorische Strenge trifft verschmitzten Humor: VA Wölfl hat seit 25 Jahren, anfänglich zusammen mit Wanda Golonka, ein wiedererkennbares künstlerisches Vokabular ausgeprägt. Er arbeitet gar mit Selbstzitaten. Die Wiederholung ist ein Stilmittel, auch in einer werkübergreifenden Dimension. Mit einer Selbstwiederholung im negativen Sinn hat das nichts zu tun: VA Wölfls Arbeiten gehören noch immer zu den spannendsten des zeitgenössischen Tanztheaters.

Quelle: op-online.de

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