Bürkles „Beckett, Beer and Cigarettes“ im Mousonturm

Poesie trifft Artistik

Die Party ist vorüber: Leere Bierflaschen und -kästen zeugen davon. Zigarettenqualm liegt in der Luft, knisternde Roma-Blasmusik vom Balkan tönt von fern. Von Stefan Michalzik

In Felix Bürkles Inszenierung „Beckett, Beer and Cigarettes“ im Frankfurter Mousonturm sind drei Männer aus seiner Kompanie „Starting Point“ damit beschäftigt, Flaschen und Kästen auf der Bühne zu arrangieren. Später schleichen sich erste tänzerische Momente ein. Trompeter Nils Ostendorf bläst dazu leise ein Solo im Stil von Miles Davis. Die Tänzer, neben Bürkle die Skandinavier Jannik Elkær Nielsen und Niclas Stureberg, entdecken die Flaschen als Instrument. Sie blasen auf ihnen, ploppen, stopfen mit einer immer wieder momentweise die Trompete.

Vor seiner Ausbildung zum Tänzer hat der 1975 in Freiburg geborene Felix Bürkle eine Zirkusschule besucht. Jonglage prägt „Beckett, Beer and Cigarettes“. Flaschen wechseln im weiten Flug ihren Besitzer. Bürkle versetzt einen schwindelnd hohen, scheingefährlich in Richtung Publikum wankenden Turm aus zwölf Kisten von einem Punkt zum anderen. Er steigt auf einen nicht viel niedrigeren und „wandert“ mit ihm ruckelnd einige Meter vorwärts. Es ist viel der passgenau getimten Aktion zwischen den Tänzern. Man staunt immer wieder fasziniert.

„Beckett, Beer and Cigarettes“ funktioniert einesteils als Show, und das sehr gut. Die Verbindung zu Tanz und Theater ist ebenfalls gelungen. Ein einfacher Holztisch mit vier Stühlen wird immer wieder zum Treff-, nicht aber tatsächlichen Ruhepunkt der Gemeinschaft. Tisch und Stühle heben in einer surrealistisch anmutenden Weise ab, mittels stützender Flaschen in Schräglage gebracht. Bürkles Stück ist durchsetzt mit derartigen Grenzüberschreitungen zu Traumbildern. In der Schlusssequenz wechselt eine Flasche von einem auf einem Kastenturm stehenden Mann zum nächsten, und schließlich hinab zu Felix Bürkle, der auf einem Bett aus stehenden Flaschen liegt – das unter der Bewegung des Auffangens klirrend unter ihm zusammenbricht.

Es ist ein Abend, in dem sich Poesie und Artistik überlagern. Wie im Zirkus. Nur anders. Alles erscheint rundum gelungen. Von Beckett indes ist wenig mehr enthalten als vom Bier der typische Rest im Leergut. Wäre er nicht im Titel zitiert, enthielte nicht der Programmzettel einen Verweis auf „Warten auf Godot“, würde sich eine entsprechende Assoziation wohl kaum beim Zuschauer einstellen. Die Jungs warten, aber sie tun es dann doch zu aktionsreich für Beckett. Dramaturgisch ist das inkonsequent, dem Charme des Stücks indes vermag man sich schwerlich zu entziehen.

Quelle: op-online.de

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