Sander/Ringelnatz

Poetischen Sonderling gewürdigt

„Ich bin etwas schief ins Leben gebaut“ – die lyrische Selbstbeschreibung von Joachim Ringelnatz trifft durchaus auch auf Otto Sander zu. Unter dieses Motto stellte der Schauspieler aus Berlin seine Lesung mit Texten des vor 75 Jahren dort gestorbenen Dichters. Von Markus Terharn

In der ausverkauften Frankfurter Romanfabrik erlebte das Publikum einen intensiven Abend. Chronologisch führte Sander durch die Gedankenwelt eines poetischen Sonderlings, Bekanntes mit weniger Geläufigem mischend. Der Genuss erforderte anfangs etwas Einhörungsvermögen in seine eigenwillige Rezitationstechnik, die Konsonanten mal beiläufig vernuschelnd, mal knallig überbetonend, die Vokale hie lustvoll in die Länge ziehend, dort effektiv verkürzend. Dazu passte die verlebte Stimme des Charaktermimen.

Die Pointen betonte Sander gern, indem er selbst loskicherte, als läse er sie zum ersten Mal. Reaktionen seiner Zuhörer griff er spontan auf: „Was gibt es da zu lachen?“ Mit urkomischen Versen über Leibesertüchtigung schlug er einen Bogen zum aktuellen Turnfest und sah sich gar zu eigener Betätigung veranlasst: „Eins, zwei, drei, hops!“

Musikalisch assistierte Gerd Bessler kongenial am Flügel und auf der Stroviola, einer Bratsche mit Schalltrichter; „La Paloma“ inbegriffen. Mit der köstlichen Rotkäppchen-Variation aus Säufermund als Zugabe kamen schließlich die Kinder auf ihre Kosten.

Quelle: op-online.de

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