Wohl kalkulierte Diskurs-Klamotte

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Oliver Kraushaar, Traute Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Constanze Becker und Nils Kahnwald haben das Stück mit René Pollesch erarbeitet.

Frankfurt - Ein neuer Pollesch! Das sollte eigentlich längst keine aufregende Kunde mehr sein, denn Stücke produziert der Mann reihenweise. Und doch wird vor der Premiere eine Vorfreude offenbar, die selten ist am deutschen Stadttheater. Pollesch, das ist längst ein Event. Von Stefan Michalzik

Man geht da schon in einer beschwingten Stimmung hin, wohl wissend, dass man in einer ebensolchen das Theater wieder verlassen wird.

René Pollesch ist keiner, der diese Erwartungen unterlaufen würde, bislang jedenfalls nicht. Auch am Frankfurter Schauspiel hat er eine Filiale seiner Diskurs-Gagschmiede eingerichtet, ein Vorposten des Postdramatischen auf dem Stadttheater. In „Wir sind schon gut genug!“ tritt ein sechsköpfiges Theatertrüppchen – Constanze Becker, Traute Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar – auf, das angeblich Brechts „Mutter Courage“ spielen soll.

Ausstatterin Janina Audick hat eine Bühnenwelt mit Springbrunnen, Glaspyramide, einem Einhorn, bei dem anstelle des Horns ein Seil mit Knoten sitzt, geschaffen, deren Künstlichkeit einen förmlich anspringt. Pollesch bedient sich in anarchischer Weise aus Versatzstücken der Trash-Kultur. Das Stück beginnt und endet mit einem Filmvor- und -abspann, Animationsbilder und ein wohlbestückter Easy-Listening-Soundtrack sorgen für einen wohligen Retrocharme.

Das Netzwerk ist diesmal Motiv der kapitalismuskritischen Erzählung. Zu Beginn schwebt das Ensemble vom Schnürboden herab, angetan mit Superheldenanzügen, die Brustversalien lassen sich zum Wort „PROFIT“ ordnen. Es geht um eine theatralische Erkundung der gesellschaftlichen Verhältnisse unter den Bedingungen einer „Totalverwertung des Selbst“ (Diedrich Diederichsen); wie immer hat Pollesch den Text auf der Grundlage von Theorieaufsätzen im Austausch mit dem Ensemble entwickelt. Gesprochen wird wieder in einem hochgeschwinden tiradischen Tempo, der Textmenge ist wieder so viel, dass die Souffleuse sicherheitshalber gleich mit auf die Bühne geholt worden ist.

Lange Zeit, heißt es einmal, wusste man nicht, wie der Kapitalismus zu kritisieren ist, weil man sein Gesicht nicht mehr kannte. Nun ist bekannt, dass das Netzwerk sein Gesicht ist. Unter den Bedingungen eines selbstständigen Arbeitsunternehmertums nimmt der Zwang zur Selbstvermarktung und -optimierung, zum Verkauf der eigenen Lebensidentität samt Charme und Sexyness totalitäre Züge an. Das Individuum sieht sich dem Faktum einer radikalen Verfügbarkeit ausgesetzt, der Marktgedanke hat sich auf die persönlichen Beziehungen ausgeweitet.

Weitere Aufführungen am 7. und 12. März. Karten gibt es unter Tel.:  069 21249494

Eine Stunde dauert dieser Abend, er verbreitet ungebrochene Kurzweil. Am Schluss gibt’s Ovationen, wie man sie in dieser Beschwingtheit selten am Stadttheater erlebt, befeuert durch eine scheinbar nicht enden wollende schmissige Musik, wie am Ende eines Musicals. Das ist prächtigste Unterhaltung. Diskurs-Klamotte. Eine so spielerische wie klarsichtige Gesellschaftsanalyse mit den Mitteln eines wie aus seinen Fugen gerissenen und doch zugleich auf seine ureigensten Qualitäten zurückgeführten Theaters. Pollesch dürfte freilich klug genug sein zu wissen, dass er mit seinen süffigen Produkten selber das beste Beispiel für jene marktschnittige Selbstverwertung ist, von der er spricht.

Quelle: op-online.de

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