Eine Rolle gibt es nicht

+
Aus Textsplittern entsteht ein Stück, das Oliver Kraushaar (links) in Kooperation mit seinen Kollegen und dem Regisseur auf die Bühne bringt, wie in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer zu überzeugen“.

Frankfurt - Er ist gerade frisch aus der Probe gekommen und äußert die Befürchtung, immer noch sehr schnell zu sprechen. Nah an jenem enormen Redetempo, für das die Stücke des Autorenregisseurs René Pollesch bekannt sind. Von Stefan Michalzik

Später im Verlauf des Gesprächs wird der Schauspieler Oliver Kraushaar bemerken, dass er fortwährend „wir“ sagt. Kraushaar, geboren 1973 im bayerischen Fürstenfeldbruck und nach Stationen am Hamburger Thalia Theater und bei Wolfgang Engel in Leipzig seit zehn Jahren zum Ensemble des Frankfurter Schauspiels gehörig, arbeitet zum zweiten Mal mit René Pollesch zusammen, dem derzeit wohl gefragtesten Mann am deutschsprachigen Theater. Bis zu fünf oder sechs neue Stücke bringt Pollesch in jeder Spielzeit hervor. „Wir sind schon gut genug!“ heißt das neue für Frankfurt,Uraufführung ist am 3. März, und es entsteht erst im Verlauf der sechswöchigen Probenzeit.

Unglaublich viele Textpixel, erzählt Oliver Kraushaar, bringe Pollesch auf die Probe mit; man könne auch von Aphorismen sprechen. Bei der Arbeit gehe es um die Perspektive, die – erstes „Wir“ – die Gruppe einnehmen müsse, um mit diesen Splittern etwas zu sagen. „Wir gucken, wo wir als Gruppe hinkommen, mit dem Stück.“ Bei der Arbeit mit Pollesch habe man nie das Gefühl, dass man als Schauspieler ein Bild schaffe, wie bei anderen Produktionen: „Ich arbeite nicht an meiner Rolle, denn meine Rolle gibt es gar nicht.“

Keine Rolle, keine Figur wie im klassischen Drama

Keine Rolle, keine Figur wie im klassischen Drama. Doch was ist das nun für einer, der auf der Bühne stehen wird? Handelt es sich um eine Kunstfigur oder ist es der Schauspieler selbst mit seiner Individualität. Die Vorstellung der Kunstfigur verneint Kraushaar. Am Ende lasse sich das alles gar nicht mehr trennen.

Es sind soziale Prozesse, für die sich Pollesch interessiert. In „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“, seinem ersten Frankfurter Stück, das vor eineinhalb Jahren herausgekommen war, artikulierte ein Chor. Diesmal, sagt Oliver Kraushaar, handele es sich um ein Netzwerk. Alle sind individualisiert, sie dürfen so leben, wie sie wollen, ohne durch das Kollektiv „zugerichtet“ zu sein. Aus der Einzigkeit allerdings resultiere eine allseitige Verfügbarkeit und Austauschbarkeit.

Zwei Monate an einer Inszenierung

Die Arbeit mit Pollesch bedinge einen erhöhten Stressfaktor. Schließlich arbeite man zwei Monate an einer Inszenierung, ohne überhaupt zu wissen, mit welchem Text. Eine Ungewissheit, die bereichernd sei. „Ich komme mir jetzt vor, als hätte ich ein zweites Semester Pollesch.“ Eine inszenatorische Anverwandlung des entstandenen Textes durch einen anderen Regisseur und mit einem anderen Ensemble sei schwerlich denkbar. Einen entsprechenden Versuch habe es gegeben, er sei gescheitert, Pollesch habe das für die Zukunft ausgeschlossen.

Liebe ist ein Motiv. Oliver Kraushaar zufolge geht es darum zu erkunden, wie weit die Ökonomisierung bis in die persönlichen Verbindungen vorgedrungen ist. Bei diesem gesellschaftspolitischen Ansatz des Theaters gehe es, der Schauspieler zieht einen Vergleich zur Occupy-Bewegung, weniger um Protest, sondern vielmehr um eine Reformbewegung. Fern der Behauptung, etwas besser zu wissen. „Wir suchen den Kapitalismus in den Beziehungsgeflechten.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare