Predigt am Bankenplatz

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Rettet den Rhein: Der Auftritt der Rheintöchter wirkt wie eine Solidaritätsadresse an das benachbarte Occupy-Zeltlager.

Frankfurt - Wir haben gelernt: Wenn noch während der Aufführung das Licht im Zuschauerraum angeht, soll das, was auf der Bühne geschieht, an uns appellieren. Von Axel Zibulski

Am Ende von knapp sechs Stunden „Götterdämmerung“ geht in der Oper Frankfurt das Licht an, und zum auswogenden Nachspiel des Tetralogie-Finales schaut uns das ganze Personal aus vier Abenden „Ring des Nibelungen“ entgegen, samt Urmutter Erda, Riesen und Waldvöglein. Und weil die Götter, ob Wotan, Fricka oder Freia, zu Randerscheinungen in die Seitenloge werden, müssen wir einsehen: Jetzt liegt’s an uns, es besser zu machen.

Mit diesem gewiss nicht neuen, aber nachdrücklichen Appell endet Vera Nemirovas Inszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Als stets präsentes Leitmotiv der Ausstattung ist auch in der „Götterdämmerung“ jene in Ringe teilbare und somit vielfach verschwenkbare Scheibe im Bühnenbild von Jens Kilian geblieben, die bereits dem Vorspiel und seiner ans Gewesene erinnernden Szene der drei Nornen den schiefen Boden bereitet. Deren Wissensseil scheint sich zwischen den Statisten, die Wotan, Siegfried, Fafner oder die Rheintöchter markieren, fast zu verheddern – eine starke, in ihrer Intensität freilich bis auf Weiteres nicht erreichte Szene ist der Regisseurin da gleich am Anfang gelungen.

Was sich in „Siegfried“ bereits angedeutet hatte, setzt sich nun in der „Götterdämmerung“ fort: An Stelle eines tragenden Konzepts stehen in Vera Nemirovas „Ring“ viele Ideen, manche gute, manche weniger gute. Wie ein Gruß an die wohl ähnlich machtlosen Banken-Kritiker im Zeltlager neben dem Opernplatz wirken die als Schlauchboot-Aktivistinnen ausstaffierten Rhein-Töchter samt Banner „Rettet den Rhein!“ – putzig.

Hübsch gelungen ist Nemirova der distanzierte Blick auf die tumb im Takt schunkelnden Mannen Hagens, vom Chor der Oper Frankfurt vokal druckvoll gezeichnet. Natürlich, sie muss man nicht so ernst nehmen wie manche Protagonisten. Unter ihnen ist es der Gibichung Gunther, der die Regisseurin besonders zu interessieren scheint. Einer, den mit Siegfried offenbar mehr als eine Blutsbrüderschaft verbindet. Und der darum jämmerlich leidend dessen Tod begleitet. Johannes Martin Kränzle kann der Aufwertung der Gunther-Partie erst im Laufe der Premiere gerecht werden, bei allmählich wachsender baritonaler Pracht und Fülle.

Nächste Vorstellungen am 5., 10., 18., 26. Februar und am 3. März. Karten unter Tel.:  069/21249494

Dass auch die „Ring“-Scheibe, die in der Gibichungen-Halle eine mondäne Bar freigibt, am vierten Abend Sattseh-Potenzial hat, ist zu verschmerzen. Dass es Szenen einfallslosen Leerlaufs gibt, dagegen weniger: Die Begegnung von Brünnhilde (zu scharf, zu schneidend: Susan Bullock) mit ihrer Walküren-Schwester Waltraute (eine der besten der Premiere: Claudia Mahnke) gehört dazu. Lance Ryans Siegfried lässt keine Höhe, aber viel Phrasierungs-Eleganz vermissen, Gregory Frank ist ein vokal mehr hinterlistiger als auftrumpfender Hagen, Anja Fidelia Ulrich eine zuverlässige bis neutrale Gutrune. Auftrumpfen kann das Frankfurter Museumsorchester unter Sebastian Weigle – in Vor- und Zwischenspielen trotz kleinerer Bläser-Schnitzer satt und markant, noch überzeugender als feiner, transparenter, Farben stiftender Gefährte der Solisten: Zum Schlussapplaus von Weigle auf die Bühne geholt, durften die Instrumentalisten die Ovationen persönlich entgegennehmen.

Und wir? Was sollen wir jetzt besser machen? Weniger gieren nach Geld und Macht? Wussten wir schon. Frankfurts Premierenpublikum freilich jubelte. Vielleicht musste es am Bankenplatz noch einmal gesagt werden.

Quelle: op-online.de

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