Lahmes Märchen und überflüssige Entgleisung

Darmstadt - „Der Mond“, ein Märchen: Vier Männer stehlen auf der Lichtseite der Welt den Mond. Als sie sterben, nimmt jeder ein Viertel davon in die Unterwelt mit, wo bald helles Leben herrscht. Petrus holt den Mond zurück und hängt ihn am Himmel auf. Von Axel Zibulski

So einfach kann die Welt ausschauen. Allerlei Zwergenniedlichkeit macht sich breit auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt. Carl Orffs „Der Mond“, nicht Oper, sondern „kleines Welttheater“ genannt und 1939 im Nationaltheater München uraufgeführt, hatte nun im Großen Haus Premiere. Intendant John Dew inszenierte das Stück nach dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm als siebten Teil seiner Orff-Werkreihe neu.

Unmittelbar vor der Premiere wurde Dew für seine Orff-Inszenierungen, Kontinuum in seiner achtjährigen Darmstädter Intendanz, mit dem Carl-Orff-Preis der Carl-Orff-Stiftung Dießen am Ammersee ausgezeichnet. Er ist mit 10.000 Euro dotiert; Dew ist der zweite Preisträger der 2008 ins Leben gerufenen Auszeichnung. In seiner kurzen Dankesrede nach der Preisverleihung sprach Dew von einer „Propaganda-Kampagne“ gegen Orff, die es „bis heute“ gebe und „die man vergleichen muss mit der Leugnung des Holocaust“. Carl Orff (1895-1982) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für sein systemkonformes Verhalten im NS-Staat kritisiert; noch 1944 hatte seine Oper „Die Kluge“ die „Gaukulturwoche“ der NSDAP in Cottbus eröffnet.

An Naivität kaum zu übertreffen

Dews Entgleisung relativiert seinen Einsatz für das Werk Carl Orffs empfindlich, und auch die Betulichkeit seiner anschließend gezeigten Neuinszenierung von „Der Mond“ verriet nicht eben intellektuelle Schärfe. Rhythmisch winkende Zwerge vor dem Orchestergraben, ein Petrus mit Wallebart, dazu eine Unterwelt in Miniatur, in die Friedhofsbaumwurzeln einschlagen: An Naivität dürfte Dews Inszenierung (Bühne: Heinz Balthes) kaum zu übertreffen sein. Das ist vor allem Bebilderung, kaum Inszenierung, nicht Deutung. Märchenerzählen mit Orff eben.

Dass sich das Staatsorchester Darmstadt nicht mit Verve der Begleitung hingibt, ist zu spüren. Unter der Leitung von Kapellmeister Lukas Beikircher spielt man richtig, aber matt, und Orffs komplexe Rhythmik prägt sich nur schwach aus. Als „Vier Burschen, die den Mond stehlen“ singen Thomas Mehnert, David Pichlmayer, Peter Koppelmann und Florian Götz routiniert, Lasse Penttinens Erzähler im Zaubermantel klingt in der tenoralen Höhe mühevoll, Monte Jaffes Petrus schlicht senil. Dieser „Mond“ beglaubigte, wie sehr man dem Staatstheater Darmstadt und seinen Ressourcen möglichst bald neue künstlerische Impulse wünscht.

Nächste Vorstellungen am 9., 18. und 29. März sowie am 14. und 22. April.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Gabriele Schönemann/pixelio.de

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