Prinz Tamino im Tropenanzug

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Stimmstark: Szene aus der Hayner „Zauberflöte“.

Die märchenhafte Handlung von Mozarts „Zauberflöte“ lässt der Inszenierungs-Fantasie schier grenzenlosen Raum. Eine Tournee-Aufführung des Budapester Operntheaters bei den Burgfestspielen Dreieichenhain brachte jedoch keine Überraschungen. Von Eva Schumann

Vor der Mauer der Hayner Burg führten korinthische Säulen zu Sarastros Tempel. Das Sonnenaugen-Symbol konnte als Anspielung auf den Isis-und-Osiris-Kult wie auf die Freimaurer-Tradition aufgefasst werden (Bühnenbild Zoltán Juhász, Kostüme Andrea Zsadon, die neben Tibor Szolnoki auch für die künstlerische Leitung zeichnet).

Prinz Tamino wurde von einer schlangenhaften Ungetüm mit menschlichem Inhalt verfolgt. Es knallte, zischte und qualmte, Wasser plätscherte, Papagenos Vögel im riesigen Käfig zwitscherten chorisch mit Lautsprecherverstärkung. Die Protagonisten erschienen nicht modern verfremdet, sondern im Märchenhabit, wie man ihn sich vorstellt: Papageno und Papagena mit bunten Federn, die drei Damen gepanzert in luxuriösem Schwarz und mit Speer bewaffnet, die Königin der Nacht in funkelndem Mantel mit riesiger Schleppe, Sarastro und sein priesterlicher Hofstaat in feierlicher weißer Toga. Einzig Tamino wirkte im farblosen Tropenanzug etwas unprinzlich und seiner klassizistisch gewandeten Pamina nicht ebenbürtig.

Papageno verplapperte sich mal

Fast revolutionär hingegen die drei Knaben: Politisch korrekt hatten sie sich in ausgewachsene kesse Mädels verwandelt. Der Text war angepasst worden, nur Papageno verplapperte sich mal. Ein paar unlogische Momente fielen auf – das ist bei der Widersprüchlichkeit dieses Schikaneder-Mozartischen Volkstheater-Singspiel-Operngemisches verzeihlich. So war der böse Mohr Monostatos weiß. Gar nicht hässlich, sondern elegant verkörpert durch den ungarischen Tenor Tibor Szolnoki, schien er sich aus einer Operette oder einer spanischen Mantel-und-Degen-Komödie ins Sarastro-Reich verirrt zu haben.

Amüsant war der unterschiedliche Zungenschlag der Darsteller bei den Sprechpartien. Die Ungarn konnten ihren reizenden Akzent nicht verleugnen. Matthias Ludwig als Papageno verlegte sich statt aufs Wienerische auf sein heimisches Bayrisch.

Durch Modernisierung nicht unterzukriegen

Natürlich schoss Ludwig den Vogel ab, auch wenn die gesangliche und spielerische Gestaltung fast des gesamten Teams gut gefiel. Der Spanier Juan Noval-Moro musste zwar öfters hilflos herumstehen, doch er gab einen sympathischen Tamino mit Heldentenor. Ihm zur Seite als anmutige Pamina, sehr zart, fast mit Naturstimme, die deutsch-griechische Sopranistin Nastasja Docalu. Als Königin der Nacht beherrschte Viktória Varga ihre Koloraturen mühelos und gestaltete die Klage-Arie herzerweichend. Lothar Fritsch als väterlicher Sarastro verfügte nicht mehr ganz über die wünschenswerte runde Fülle und Tiefe. Die drei Damen (Andrea Zsadon, Mária Rikker, Ildikó Tas) konnten mehr mit temperamentvollem Spiel als mit stimmlicher Schönheit punkten; doch passte ihr metallisches Timbre zum kriegerischen Gewand. Dem burschikosem Auftreten des quicklebendigen Knabentrios (Ágnes Balogh, Eniko Fehér, Zsuzsa Zseni) widersprach lieblicher Stimmklang – Mozart ließ sich durch Modernisierung nicht unterkriegen.

Ein Genuss war das Spiel der Großpolnischen Philharmonie Kalisch. Hermann Breuer, erfahrener Interpret der Musik des 18. Jahrhunderts, ließ das Meisterwerk souverän und in gemäßigten Tempi musizieren.

Quelle: op-online.de

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