Als Privates politisch war

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Torben Kessler, Marc Oliver Schulze, Nadja Petri und Christoph Pütthoff (von links) geben gesanglich, was sie können.

Das „Weiße Album“ der Beatles, 1968 veröffentlicht, hat Musikgeschichte geschrieben. Es war das Jahr, als von Japan bis zu den USA weltweit junge Menschen auf die Straße gingen und gegen den Status quo der Gesellschaft protestierten. Von Astrid Biesemeier

Zwar galten die Beatles als eher unpolitische Band, doch passte das Album aus ihrer Spätphase zum Geist der Revolte und in eine Zeit, in der das Private eben auch politisch war.

Heute ist es still, trotz Krise. „Das Weiße Album“ macht am Schauspiel Frankfurt in der Übertragung ins Deutsche von Roland Schimmelpfennig aus dem „White Album“ nicht den Soundtrack oder auch nur die Begleitmusik zur heutigen Krise. Und die Beatles, das zeigt die Besetzung dieses inszenierten Konzerts mit drei Männern und zwei Frauen, sollen auch gar nicht gecovert werden. Wer darauf hofft, dass Florian Fiedlers Inszenierung eine ähnliche, mal rohe, mal provozierende, mal verstörende Kraft wie das Album auf die Bühne schleudern könnte, wird enttäuscht sein.

Wer sich aber darauf einlässt, dass aus „Back To The USSR“, das ukrainische und Moskauer Schönheiten besingt, auf ein bescheidenes „Zurück zum DTSB“ (Sportbund der DDR, 1990 aufgelöst) samt Hymne an Meck-Pomm-Mädels an der Müritz zusammenschrumpft; wer in der Verkleinerung von der UdSSR zu Mecklenburg-Vorpommern mit Schimmelpfennig und Fiedler versucht, das Heute zu finden: Der kann mehr als gelungene 90 Minuten erleben.

Es ist überwiegend erstaunlich und beachtlich, was die Schauspieler Nadja Petri, Nele Rosetz, Torben Kessler, Christoph Pütthoff und Marc Oliver Schulze gesanglich von Rock- bis Folkcharakter, von Balladen bis zu punkigen Einflüssen stemmen (und vermutlich werden sie in den nächsten Vorstellungen noch an Kraft gewinnen). Begleitet werden sie von Schlagzeug, Geige, Gitarren, Flöte, Klavier, Violoncello, Bass und Tuba der Band Piggies.

Manche Texte sind – zugegeben – gewöhnungsbedürftig. Da röhrt es „Ich will dich, du weißt, was ich brauche“ oder tönt die Aufforderung „Komm zieh dich aus, wir tun’s hier“ oder klingt das Bekenntnis „Zuckermaus, du bringst mich zur Verzweiflung“. Aber ganz ehrlich: Auch wenn das „White Album“ Epoche gemacht hat, so scheint der Mythos aus heutiger Sicht einer Kaum-Beatles-Kennerin größer als manche der Songs.

Nach kurzer Einhör- und Einsehphase macht es nicht nur Spaß, den Fünf zuzusehen und zuzuhören, die singend, mimend und tanzend eine eindrucksvolle Präsenz auf der riesigen Bühne entfalten. Es ist auch schön zu erleben, wie Fiedler mit leichter Hand und unter Einsatz der Drehbühne immer da, wo es sich anbietet, in kleinen Szenen auch dezent etwas über das Heute erzählt und das Konzert unterhaltsam inszeniert. Da sieht man bei dem Song, in dem Reihenhausfrank besungen wird, kleine weiße Wohneinheiten, in denen Vereinzelte ihr Dasein telefonierend ertragen; da zeigt Fiedler mit Videoprojektionen, dass heutige Liebesfanta sien und -sehnsüchte eher Schimären gleichen als ehrlichen Gefühlen.

Weitere Aufführungen am 10., 14., 26., 28. Februar, 6., 12. und 13. März

Und er beweist vor allem ein schönes szenisches Gefühl dafür, den Konzertcharakter in Weiß langsam in kleine, komische und absurde Geschichten und Fantasien gleiten zu lassen, die zunehmend Farbtupfer bekommen. Insgesamt ein kultverdächtiger Abend!

Quelle: op-online.de

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