Probe statt Prinzenhochzeit

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Sein Bass lässt Wände erbeben: Sir John Tomlinson singt die Partie des Erzbischofs Becket in Keith Warners Inszenierung.

„Eine wunderbare Partie“, schwärmt Sir John Tomlinson – mit einer Stimme, die sportlich dem Bereich Schwerathletik zuzuordnen wäre und die seine kleine Garderobe erbeben lässt. Von Klaus Ackermann

Der britische Weltklasse-Bass singt den Erzbischof Thomas Becket in Ildebrando Pizzettis musikalischer Tragödie „Murder in the Cathedral“ nach dem Drama von T. S. Eliot. Inszenieren wird die 90-Minuten-Oper Keith Warner, die musikalische Leitung hat ein weiterer Brite, Martyn Brabbins. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr am Willy-Brandt-Platz.

18 Spielzeiten hat Sir John in Bayreuth an vorderster Front gesungen, davon allein zehn Jahre den Wotan in Wagners „Ring“. Und den Becket hat Tomlinson verinnerlicht. Wohl auch weil er wieder mal in seiner Muttersprache singen darf: Die englischsprachige Fassung verfasste der Italiener Pizzetti (1880-1968) mit dem britischen Autor Eliot, weiß Sir John. In diesen modernen Zeiten spielt auch Warners Inszenierung des mittelalterlichen Stoffs.

Wird in der verfilmten Anouilh-Adaption des „Beckett oder Die Ehre Gottes“ noch die unbeschwerte Jugend des Helden mit seinem Kumpel Heinrich II. beschworen, der ihn zum Reichskanzler und zum Erzbischof ernennt, um die Macht der Kirche zu brechen, so weiß bei Eliot der jetzt unbeugsame Kirchenmann, dass ihm nur noch wenige Tage vergönnt sind, bis ihn die Königstreuen ermorden werden. Vier Verführer zeigen auf, wie er den Tod vermeiden könne, doch selbst als Märtyrer plagen ihn Zweifel.

„Ein in viele poetische Verse gekleideter urmenschlicher Konflikt, so Sir John, der Pizzettis „immer tonale“ Musik schätzt, die an Wagner und Puccini, aber auch an die Impressionisten erinnere. Dass Englisch keine gute Opernsprache sei, lässt der Weltstar nicht gelten. Schuld an dieser üblen Nachrede seien die schlechten Opern-Übersetzungen aus dem Italienischen oder dem Deutschen. Jede Sprache habe eine andere Farbe, aber alle seien gut für die Stimme, sagt Sir John – und liefert gleich singend den Beweis.

Tomlinson, der aus einer nordenglischen Industriestadt stammt, jüngster von fünf Brüdern, die allesamt in Blasorchester, Männer- oder Kirchenchor musikalisch infiziert wurden, fiel schon früh mit seiner großartigen Stimme auf, beschloss im Alter von 21 Jahren, das Ingenieurstudium an den Nagel zu hängen, wechselte ins Manchester College of Music und begann seine Weltkarriere als Chorist und Solist des Glyndebourne Opernchors. Noch heute sei die Stimme sein zuverlässigster Körperteil, sagt der 64-jährige Opernstar, der aus seinem Alter kein Hehl macht. Und tägliches Training, ob nun der Atem- oder Stimmband-Muskulatur, sei dafür vonnöten.

In Bayreuth schätzt er nicht nur Land, Leute und fränkisches Bier, sondern auch die Tatsache, dass jeder, der hier musiziert, die Musik Wagners so sehr liebt, dass er selbst seinen Jahresurlaub opfert. Als Commander of The British Empire, von Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen, und als waschechter Brite ist Sir John natürlich ein Royalist. Dass er an der Prinzenhochzeit nicht teilnimmt, dafür gibt es einen triftigen Grund. Wenn die königlichen Glocken läuten, hat Tomlinson Generalprobe. In Frankfurt.

Quelle: op-online.de

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