Mehr Leben ins Museum

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Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturkreisen und sozialen Milieus will das Städel mit „ausKUNSTbildung“ ansprechen

Frankfurt - Das Frankfurter Städel schlägt ein neues Kapitel in der Arbeit mit dem Nachwuchs auf. Das zunächst auf drei Jahre befristete Programm „ausKUNSTbildung“ richtet sich an sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren, deren Lebensumfeld eine Teilhabe an Bildung und Kultur kaum fördert. Von Carsten Müller

Angesprochen sind Schulen in Frankfurt und der Region mit hohem Migrantenanteil, aber auch Kindertagesstätten, Förder-, Berufs- und Gesamtschulen sowie offene Kinder- und Jugendeinrichtungen.

Über den Kontakt zu Museum und Kunst sollen die Kinder Selbstbewusstsein und Vertrauen in eigene Fähigkeiten aufbauen, eigene und fremde Kulturen kennen lernen und in alternative Lebensweisen vordringen und damit wichtige Kompetenzen für Ausbildung und Beruf erwerben.

Die fünften bis siebten Klassen sprechen Tagesworkshops der Reihe „Kunst verbindet Kulturen“ an, deren Schwerpunkt auf interkulturellem Lernen liegt. Ab der achten Klasse sollen Persönlichkeitsentwicklung und Berufsvorbereitung durch das Modul „Extern für den Beruf“ gefördert werden, dazu gehören unter anderem Kommunikationstraining und Präsentationstechnik. Am Ende steht die mögliche Teilnahme an einer Sommerakademie als einwöchiges Kompaktprogramm mit theaterpädogogischen Elementen, Gruppenarbeiten und Ausstellungsbesuchen.

Absolventenpreis winkt

Besonders begabten Schülern winkt ein Absolventenpreis, den die Frankfurter Hannelore Krempa Stiftung ebenso finanziert wie zusätzliche Personalkosten und Sachmittel, Stipendienplätze und den Um- und Ausbau der Städel-Ateliers. „Wir wollen den Kindern etwas Persönliches zukommen lassen, Talente und Begabungen aus sozial schwachen Familien fördern“, erläuterte Sprecherin Renate Förster das Anliegen der Stiftung.

Den Anfang macht die Integrierte Gesamtschule West mit 500 Schülern der Klassen 5 bis 9 aus dem Einzugsgebiet Höchst, Zeilsheim und Sindlingen. Die Auswahl der Schulen orientiert sich am Bedarf, Offenbach ist für das Städel ein wichtiger Faktor. Im ersten Jahr beginnt man mit 25 Terminen „Kunst verbindet Kulturen“, drei Projekten „Extern für den Beruf“ sowie zehn Stipendien für die Sommerakademie. 2014/15 sind 40 Terminen, fünf Projekte und 15 Stipendiaten vorgesehen.

Ehemalige Städelschüler im Team

Doch zunächst müssen Lehrer und Pädagogen die Schulbank drücken, in Fortbildungen werden sie für das neue Themenspektrum sensibilisiert. Sinnvolle Lerninhalte sollen mit dem Thema Museum verbunden werden, wie Chantal Eschenfelder, Leiterin der Städel-Abteilung Bildung und Vermittlung, berichtet. „Wie sieht Wasser aus?“ sei so eine Frage, die anhand der Kunst analysiert und interdisziplinär im Unterricht behandelt werden könne. Ein Team von 60 Mitarbeitern nimmt sich der Schüler an, darunter ehemalige Städelschüler, die beispielsweise Performance-Workshops geben.

Dass Museen in manchen Kreisen als alt, verstaubt und langweilig gelten, sei eine Herausforderung, der die Museumspädagogik wirksam begegnen könne. Eine Erfolgsgeschichte hat Eschenfelder aus Offenbach zu erzählen, wo sich das Starthaus um arbeitslose Jugendliche kümmert, keine klassische Museumszielgruppe. Die Aufgabe, zu den auf sogenannten Emotionskärtchen genannten Begriffen passende Kunstwerke zu suchen, brachte Jugendliche dazu, minutenlang über Dinge zu sprechen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten, freut sich Chantal Eschenfelder. „Die menschliche Wahrnehmung funktioniert unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft.“ Und wirkt nach: Obwohl das Projekt beendet sei, kämen noch heute Gruppen aus dem Starthaus ins Städel.

Gewinnbringender Besuch - auch für Jugendliche

„Wir sind keine Sozialromantiker, die glauben, dass ein solches Projekt die Welt verändern wird“, betont Chantal Eschenfelder, „aber wenn es uns jetzt nicht gelingt, die junge Generation dafür zu interessieren, wie gewinnbringend ein Museumsbesuch sein kann, werden wir sie als Erwachsene nicht mehr als Besucher empfangen können.“ Es gibt Hoffnung: Allein die Erweiterung des Städel habe neue Publikumskreise angesprochen. Und wenn sich heute jemand beschwert, in der Ausstellung sei es zu laut, dann erhalte er zwar eine serviceorientierte Antwort, „aber im Prinzip ist es genau das, was wir wollen: mehr Leben im Museum“.

Quelle: op-online.de

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