„Hanglage Meerblick“ am Schauspiel Frankfurt

Prophetischer Kommentar

+
Einzelkämpfer: Till Weinheimer, Oliver Kraushaar.

Frankfurt - Ein Männerhaufen. Es geht jeder gegen jeden, gemäß der Spruchweisheit, derzufolge der Mensch des Menschen Wolf ist. David Mamets Stück „Hanglage Meerblick“ spielt in der Immobilienbranche. Die ist seit jeher als besonders rau bekannt und verschrien. Von Stefan Michalzik

Es spricht schon für sich, dass sie hier exemplarisch für unsere Gesellschaft steht, der Mamet schon vor dreißig Jahren eine Verrohung der Sitten unter der uneingeschränkten Herrschaft des Marktes attestiert hat.

„Hanglage Meerblick“, das jetzt in der Regie von Robert Schuster am Frankfurter Schauspiel Premiere hatte, wurde 1983 in London uraufgeführt, später hat es James Foley mit Jack Lemmon in der Rolle des Shelley verfilmt. Der Kampf geht ums blanke Überleben. Die Leitung des Immobilienbüros hat einen perfiden Wettbewerb ausgeschrieben: Wer unter den vier Verkäufern die meisten Vertragsabschlüsse aufweisen kann, bekommt einen Cadillac, der zweite einen Trostpreis, die anderen werden vor die Tür gesetzt.

Keine Spur von Kollegialität oder persönlicher Bindungen

Das asiatische Restaurant in der Nachbarschaft des Büros, hat der Ausstatter Sascha Gross für die Inszenierung an den Kammerspielen in einem Naturalismus samt Aquarium auf die Bühne gezaubert. Unter dem E-Piano-Geplinker einer ewig lächelnden, mit einer blonden Pagenschnittperücke angetanen Kellnerin werden Kunden über den Tisch gezogen und Pakte abgeschlossen wie jener zwischen der einstigen Verkaufskanone Shelley, genannt „Die Maschine“ (Michael Benthin) und dem Büroleiter John (Torben Kessler), der Topadressen aus der Kundenkartei gegen Prozente verscherbelt. Dave (Oliver Kraushaar) nötigt James (Till Weinheimer) zum nächtlichen Diebstahl der Kartei. Am nächsten Morgen ermittelt die Polizei, der ganze Laden ist außer Rand und Band.

Man könnte das alles männerbündisch nennen, wenn es denn tatsächlich zu einem Bund kommen würde. Kollegialität, persönliche Bindungen? Keine Spur. Die Verhältnisse einer geschürten Konkurrenz haben die Männer zu Einzelkämpfern verformt. Gewinnergesten allüberall, und doch sind sie allesamt nichts als erbarmungswürdige Seelenkrüppel.

Friedlich-produktiver Wettbewerb unter begnadeten Komödianten

Dieses so sprachkräftige wie geschmeidige Stück erscheint heute wie ein prophetischer Kommentar auf die galoppierende Ökonomisierung unserer Gesellschaft oder aber auch als höhnischer Beleg dafür, dass die Welt entgegen dem verbreiteten Gefühl früher auch nicht ernstlich besser gewesen ist. Ein Stück Wahrheit dürfte in beiden Sichtweisen liegen, jedenfalls bedarf dieser Theatertext mit den hochgradig verdichteten Dialogen keiner Aktualisierung.

Weitere Aufführungen am 3., 19. und 20. Oktober.

„Hanglage Meerblick“ ist ein Ensemblestück, es funktioniert in Frankfurt wie ein friedlich-produktiver Wettbewerb unter begnadeten Komödianten. Prägnant und pointiert, fein differenziert zeichnet ein jeder seine Figur. Der Funke des Humors springt ob eines durchweg hochgradig disziplinierten Spiels über. Im letzten Drittel geht der Regie streckenweise die Luft aus, die Spannung sackt ab, in der Summe aber macht es Freude, diese so klarsichtige wie sinnliche Gesellschaftsanalyse anzuschauen, weil ihr Humor sehr fein und ernst ist. Platter politisch-sozialer Botschaften enthält sich die Inszenierung so klug wie der Text. So sind sie, die Verhältnisse: Das wird mit einer erhellenden Plastizität hervorgekehrt.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare