„Künstlerschei... in Dosen“: Provokation total

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Manzonis Frühwerk „Milano et Mitologiaa“ ist noch dem Informel verbunden.

Frankfurt - Sein Metier war die Provokation. Piero Manzoni (1933-1963) schuf „unfarbige“ Bilder ganz in Weiß, er füllte Luftballons mit „Künstleratem“ und bot Ausstellungsbesuchern signierte Eier zum „Kunstverzehr“ an. 1961 füllte er „Künstlerscheiße“ in Dosen. Von Reinhold Gries

Das Städel widmet ihm die erste Retrospektive außerhalb Italiens seit mehr als 20 Jahren.

Die Provokation von Manzonis vielfach luftdicht eingedoster, sorgsam beschrifteter „Merda d´artista N.˚ 038“ – auf Deutsch „Künstlerscheiße Nr. 38“ – ist seit Jahrzehnten ungebrochen. Was auch das Städel an kultischen Fäkalbehältnissen zeigt, erzielt(e) hohe fünfstellige Erlöse oder mehr. Da fragt sich der Otto Normalbürger in uns: „Ist die Menschheit noch zu retten?“ Oder auch: „Was ist Kunst“?

Manzoni (1933-63), der mit 29 Jahren am Herzinfarkt verstorbene universelle Autodidakt aus adligem Mailänder Haus, bot in heftigen sieben künstlerischen Schaffensjahren viel Diskussionsstoff - und wichtige Impulse für Zero, Performance, Fluxus-, Objekt-, Körper- und Konzeptkunst. Zur besseren Einordnung des erstaunlichen Werks zeigt der Kurator einen Informel-Prolog in der Rotunde mit Günter Ueckers Nagelbild, Lucio Fontanas eingeschnittener blauer Leinwand oder Enrico Bajs kinderkritzelartiger Urmalerei. Manzonis Frühwerke wie „Milano et Mitologiaa“ (1956) oder „Paradoxus Smith“ (1957) mit Abdrucken von Schlüsseln und Zangen sowie aus Teer und Lack geformten amorphen Wesen bringt gestisch Informelles.

Ende 1957 löst er sich in weißen „Achrome“-Leinwänden von der Farbe. Gefaltete Leinwände aus Gips und Kaolin, ein Brötchen-Relief oder auch viereckige Leinwandfragmente erinnern zwar an strenge Zero-Kunst, wirken aber im Spiel von Licht und Schatten malerischer.

Manzoni wollte weg von der Malerei

Manzoni wollte weg von der Malerei. Ab 1959 verkapselte er zwischen 78 und 3363 Zentimeter lange Linien in schwarze, etikettierte Pappschatullen, einen chromglänzenden Würfel oder einen großen Zylinder in der Art einer antiken Säulenwalze. Unsichtbar gemachte „Linee“ wurden nun zur Idee, die in ihrer Aufreihung wie eine Ehrengarde zur Avantgarde wirkt. Ab 1961 entstanden geweißte Objektbilder mit Rasterstrukturen aus Wattekompressen, Styroporkügelchen und Kieselsteinen. Auch das wirkt malerisch - oder sinnlich wie die Kunstfaser-„Bärte“ oder die Kugel mit weißem Kaninchenfellbezug.

Piero Manzonis provokanteste Arbeit.

Manzoni wurde dann immer radikaler in Werkgruppen wie „Corpi d´aria“ (Luftkörper) und „Fiato d´artista“ (Künstleratem). Pneumatische Skulpturen konnte der in den Prozess einbezogene Kunstkonsument aufblasen oder in Holzschatullen aufbewahren. Da geht es wie bei den genannten Stoffwechseldosen um eine Art Biologie der Kunst – und auch elementare Lebenskräfte. Ab 1961 erklärte Manzoni in den „Scultura vivente“ 73 Körper von Freunden durch aufgeklebte Wertmarken und Signaturen zur Kunst. Dazu entfalten „Base magica“, mit kunstvollen Versalien beschriebene Sockel, im Städel klassische Wirkung, zumal man sich auf ihnen wie Pygmalion zum Kunstwerk erheben lassen kann. Der „Socle du monde“ erklärt gleich die gesamte Erdkugel zur Kunst…

Zu ihrer Zeit provokant war auch Manzonis „Eat-Art“ mit signierten Hühnereiern samt Daumenabdruck, die er beim Happening zum Verzehr anbot. Die Kunstverzehr- und Verschlingungsaktion erinnert an Mechanismen des heutigen Kunstmarktes. Bei dem geht es freilich nicht mehr um Eier, sondern um viel Kohle.

Die Schau „Piero Manzoni – Als Körper Kunst wurden“ ist bis 22. September im Städel zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Fr - So von 10 bis -18 Uhr, Mi, Do 10 bis 21 Uhr.

Quelle: op-online.de

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