Prozess zählt, nicht Ergebnis

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Mancher Ausstellungsbesucher sieht den Pott vor lauter Pokalen nicht.

Frankfurt - Angeregt durch einen Schrein im Zimmer eines Freundes, in dem dessen Ruhm als Sportler ruht, sammelte die polnische Künstlerin Aleksandra Mir per Zeitungsanzeige Siegespokale. Sie bezahlte mit der symbolischen Summe von fünf Euro. 2500 Pokale stellte man ihr zur Verfügung, allein um Palermo, ihren Wohnort. Von Tina Owczarek

Einen hatte eine Familie für das Arrangieren der Weihnachtsbeleuchtung erhalten. Ein andermal leerte sie die Garage eines Fußballtrainers, der ihr 100 Pokale schenkte. Doch am originellsten war die Geschichte des Kanarienvogelzüchters, der seine Vögel freigelassen hatte und kein Interesse mehr an materiellen Überresten seiner Leidenschaft hatte. Die Künstlerin: „Als meine Assistentin Daniela Lo Re und ich mit den Leuten in Kontakt kamen, wurde klar, dass wir ihnen eine gute Gelegenheit boten, sie loszuwerden.“ Die Künstlerin dokumentierte die Herkunft jedes Objekts. Matthias Ulrich, Kurator der aktuellen Ausstellung in der Frankfurter Schirn: „Aleksandra Mir interessiert sich nicht so sehr für das Ergebnis ihrer Arbeit, sie begeistert sich eher für den Prozess.“

Aleksandra Mir, „Triumph“, bis 26. Juli in der Kunsthalle Schirn Frankfurt, Römerberg. Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr, www.schirn.de

Ihr Werk verbinde verschiedene Methoden mit vielen Qualitäten. Für den Kritiker Nicolas Bourriaud seien solche zeitweiligen Kollaborationen Modelle des Zusammenlebens und drehten sich eher um zwischenmenschliche Beziehung als um die Herstellung unvergänglicher Objekte. Warum, denkt sich der Besucher, soll ich mir eine Ausstellung anschauen, für deren Ergebnis sich der Künstler nicht mehr interessiert? Doch der Ausstellungsraum ist eine Sensation: funkelnde Töpfe, große Pokale, kleine Pokale, konische Schalen, geriffelte Stiele, kreative Stiele, Stiele in Serie, ein Meer von silbernen und goldenen Metallbehältern; eine Menge so dekorativer wie unnützer Pötte. Die Präsentation ist gelungen: In der Mitte stehen Objekte auf Podesten, an den seitlichen Wänden sind sie in Türmen aufgereiht, in der rechten und linken Ecke finden sich Hunderte wie zu Geröllhalden aufgeschüttet. Das wirkt wie ein antikes Trümmerfeld.

Wer sich am Gesamteindruck satt gesehen hat, findet Spaß daran, durch die Reihen zu spazieren, um die Kreationen samt Aufschrift in Augenschein zu nehmen. Das reicht vom Kleintierzüchterverein über das Tennisturnier bis zum Wettbewerb der Dichtkunst. Manche Stiele sind der modernen Kunst entliehen, bestehen aus galionsähnlichen Figuren. Andere enthalten Münzen, Amulette, Embleme oder sind aus seriellen Elementen zusammengesetzt, eine Art Baukastensystem. Eine inspirierende Idee ist mit sinnlicher Darstellung gekoppelt. Es stimmt traurig, das Ergebnis menschlicher Höchstleistungen auf einem Haufen zu sehen. Doch obwohl Trophäen oft in einer Ecke verstauben, bringt es keiner fertig, sie zum Müll zu werfen. In der Kunst wie im Sport : Woher kommt das Bestreben, sich zu bewähren? Was bleibt außer einem Pokal?

Quelle: op-online.de

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