Aus dem Bauch heraus

Sascha Grammel begeistert in der Stadthalle

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Frederic von Furchensumpf sagt Sascha Grammel (rechts) gern mal, wo’s langgeht. Der hat nämlich „Keine Ahnung“.

Offenbach - Dem blonden Wuschelkopf und Puppenspieler eilt der Ruf voraus, ein Frauenliebling zu sein, tatsächlich aber ist ein Besuch bei Sascha Grammel ein generationenübergreifendes Ereignis. Von Maren Cornils 

Das Publikum bei Grammels Programm „Keine Ahnung“ besteht nicht etwa in der Überzahl aus Frauen, sondern ist altersmäßig bunt gemischt. Da sind am Donnerstag Abend in der Stadthalle Offenbach Enkel zu sehen, die mit ihren Großeltern gekommen sind, Pärchen, jede Menge Teenager, für die der TV-Star Kultstatus hat, aber auch ältere Semester und viele Kinder. Kein Wunder, bietet der Puppenspieler und Bauchredner doch etwas für jeden Geschmack: coole Gags, ein tolles Bühnenbild, ein Lausbubengrinsen, bei dem Frauen schwach werden, witzige Puppen mit einem ganz eigenen Kopf und auch jede Menge herzerweichende Momente. Und genau dieser Mix ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis des 40-Jährigen, der mit frenetischem Applaus begrüßt wird und dabei doch ganz locker wirkt.

Schon die Kulisse ist ein Hingucker: Mit viel Liebe haben die Bühnenbauer hier eine dörfliche Idylle hingezaubert, die wie eine Mischung aus Muppetshow und Auenland wirkt: Jede Minute erwartet man Frodo Beutlin aus dem Hobbit-tauglichen Rundhäuschen treten zu sehen. Mit welchen Effekten das Bühnenbild aufwartet, zeigt sich gleich zu Beginn der Show. Dann nämlich darf das Publikum mit wildem Applaus dazu beitragen, dass die herzförmigen Fenster wild zu blinken beginnen und sich Lottokugeln im Schornstein des Hackeschen Burger-Hauses drehen. Weiterer Gag: ein FSK-0-Wächter, der sich immer dann mit lautem Biep-Ton einschaltet, wenn sich das Programm in nicht jugendfreie Gefilde bewegt.

Josie, Freiherr Frederic von Furchensumpf und Professor Dr. Peter Hacke

Bevor aber Josie, Freiherr Frederic von Furchensumpf und Professor Dr. Peter Hacke ihren lang erwarteten Auftritt haben, gehört die Bühne ganz kurz nur Grammel, der das Publikum zunächst um eine Videobotschaft für Günther bittet, um dann in aller Ruhe zu spät eintreffende Zuschauer mit dem Spruch „Ich komme auch immer zu spät. Ich habe großes Verständnis für Sie“ zu ihren Plätzen zu geleiten. Was dann freilich im Dunkeln leuchtet, sind die Köpfe besagter Zuschauer, nicht etwa die ferngesteuerte Bühnenbeleuchtung.

Dann sind die Stars aus Grammels beliebter „Puppet Comedy“ an der Reihe. Und während Schildkröte Josie, Außer-Rüdiger, Professor Hacke und ein wie eine Kreuzung aus Aasgeier und zerrupftem Hahn aussehender Frederic von Furchensumpf den Zuschauern mit ihren Gags die Tränen in die Augen treiben, leistet Grammel als Bauchredner Schwerstarbeit, ohne dass man ihm das auch nur annähernd ansähe. Denn der Berliner Puppenspieler und Magier muss nicht nur die Späße seiner frechen Figuren ohne die geringste Lippenbewegung wiedergeben, sondern auch noch permanent die Rollen wechseln und dafür sorgen, dass ihm Frederic nicht etwa die Butter vom Brot nimmt. Der übrigens ist an diesem Abend als Zorro, der Rächer unterwegs, trägt zunächst Cowboy-Hut und Augenmaske, ist aber so schlagfertig wie eh und je. Immer wieder führt der schräge Vogel sein menschliches Gegenüber vor, lästert über Grammels Lidstrich und darf am Ende noch in einer Jonglage-Nummer beweisen, was er sonst noch so alles auf dem Kasten hat. Sein blonder Freund indes steckt die verbalen Haken mit einem Grinsen und vielen treuherzigen Augenaufschlägen weg und amüsiert sich ganz offensichtlich königlich - gern auch über sich selbst.

Nicht nur für Kinder und weibliche Besucher

Nach dem naseweisen Draufgänger Frederic hat Josie ihren großen Auftritt - und rührt damit nicht nur Kinder und weibliche Besucher. Die Schildkröte mit den Kulleraugen will heiraten, kommt beim Speed Dating jedoch immer erst dann an, wenn bereits wieder die Glocke geläutet wird. Doch das hält die verträumte Panzerträgerin mit dem Schweinerüssel nicht davon ab, das Brautkleid Probe zu tragen und sich zumindest so lange an Sascha heranzumachen, bis derjenige gefunden ist, „der es nie eilig hat und immer weiß, wo es lang geht.“ Der Tipp, sich auf Bahn-Bedienstete zu konzentrieren, stammt von Grammel, den Josies Schlafzimmerblick immerhin zu einer schnulzigen Freundschaftserklärung bei Kerzenlicht treibt.

„Keine Ahnung“ ist ein Spaß für die ganze Familie - kleine Besucher schmelzen angesichts der drolligen Figuren dahin, Teenager lieben die galligen Kommentare des Kult-Hahns und alle anderen freuen sich entweder über den vielseitigen Bauchredner oder die schlagfertigen Dialoge. Applaus verdient Grammel schon allein für den Mut, sich jenseits des Comedy-Booms in ganz neue Gefilde zu vorzuwagen und das als altmodisch geltende Puppenspiel zu entstauben. Ein bunter Mix aus Puppenspiel, Kabarett und Magie mit einem gnadenlos guten Dirigenten.

Bilder: Maskottchen der Olympischen Spiele

Bilder: Maskottchen der Olympischen Spiele

Quelle: op-online.de

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