Quell der Inspiration

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Der Neu-Offenbacher Anton Würth fand zu einer farbkräftigen, formal strengen Interpretation.

Offenbach - Auch 180 Jahre nach seinem Tod bleibt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ein Phänomen. Allein im Buchhandel sind derzeit über 800 verschiedene Goethe-Ausgaben lieferbar. Von Reinhold Gries

In seiner Zeit war er einer der letzten Universalgelehrten, in Philosophie und Naturforschung gleich zuhause wie in Juristerei, Bergbau, Garten- und Straßenbau. Auch in der Kunst war er, zeichnend und forschend, erfolgreich.

Goethes breites Spektrum drückt sich auch in der Vielfalt der Drucke und Buchkunst aus, die Kuratorin Martina Weiß in Offenbachs Klingspor-Museum aufblättert. Aus eigenen Museumsbeständen, die keineswegs hinter denen von Weimar, Frankfurt oder Marbach zurückstehen. Ihr Panorama beginnt im Kaminzimmer mit Dieter Sduns papiergeschöpfter Alphabet-Suite scheinbar ungoethisch. Ohne das Alphabet wäre aber Goethe gar nicht denkbar. Sein „Hier bin ich Mensch…“ mündet schnell ins elegische Gedicht vom thüringischen Gickelhahn: „Über allen Wipfeln ist Ruh…“ Dieter Wagners Dialekt-Typographie begnügt sich nicht mit Bekanntem, geht ins Bayrische: „übrall a rua/ de vögel san staad/ bald bist hi“ oder „Über allen Zipfeln ist Muh“. Auch in Ottfried Zielkes frecher Arbeit „Scheisse, Goethe war schon da“ wird einer respektlos vom Sockel geholt. Respektvoller Harry Graf Kesslers 16-bändige Insel-Ausgabe.

Goethe selbst war gar nicht so begeistert von der Illustration seiner Werke, der Leser sollte eigener Phantasie freien Lauf lassen. Das hinderte Generation von Illustratoren nicht, dessen Lyrik, Dramatik und Epik ins Bild zu setzen. Ernst Barlach tat dies beim Hexeneinmaleins der „Walpurgisnacht“ in gespenstischer Version, auch Kalligraph Rudo Spemann fand für den Urfaust eine ganz eigene Formensprache. Klassisch dagegen der „Dialog im Himmel“ im feinen Stich von Eugene Delacroix und auch die Versionen zu „Die Leiden des jungen Werther“. Zum Besten, was zu Goethe gezeichnet und gedruckt wurde gehören die Folgen Max Slevogts bei Cassirer, die Max Beckmanns oder auch die von HfG-Professor Kurt Steinel. Völligen Eigenwert gewinnen dazu Malerbücher wie das von Henry Moore zu Goethes „Prometheus“ in André Gides Textversion von 1956. Eigenständige Kunstwerke zu Goethesujets auch bei Max Liebermann.

„Buchkunst zu Goethe“ bis 23. September im Klingspor-Museum Offenbach, Herrnstraße 80. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr.

Enger am Text schrieben und illustrierten Offenbachs Schriftschöpfer Rudolf Koch, Hugo Steiner-Prag, Wilhelm Kaulbach oder Josef Hegenbarth. Oder die von England im 19. Jahrhundert ausgehende Pressendruckbewegung. Erst zeitgenössische Buchkünstler wie der Neu-Offenbacher Anton Würth oder Ines von Ketelhodt fanden zu Neudefinitionen. Anja Harms’ Version zur Ballade „Der Zauberlehrling“ wächst dabei zum Leporello, Ryoka Adachi schickt Goethes Homunculus ins Genlabor.

Klassisch schön wird man mit Goethe dann auf seine Italienische Reise geschickt. Bildmächtig dazu Wilhelm Neufelds Darstellung zu Goethes als Botaniker, Zoologe oder Geologe, Josef Weisz‘ Holzschnitte zur „Metamorphose der Pflanzen“ und Otto Rohses Kupferstiche zum Aufsatz „Über den Granit“. Auch an Josua Reichert Serigrafien zum „Westöstlichem Divan“ sieht man: Goethes unerschöpflicher Sprach- und Denkhorizont inspiriert(e) immer neu.

Quelle: op-online.de

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