Quicklebendige Leiche

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Im Mainzer Kabarettarchiv lagern Texte, Erinnerungsstücke und Requisiten aus mehr als einem Jahrhundert deutscher Bühnengeschichte.

Es war eine Bewegung. Manche sprachen von Revolution. „Wir werden diese alberne Welt umschmeißen!“, verkündete Otto Julius Bierbaum – und das ohne Blutvergießen, „nur“ mit der Macht der Worte. Von Imke Hendrich

Am 18. Januar 1901 – also vor fast genau 110 Jahren – erlebte das Kabarett in Deutschland seine Geburtsstunde. Es begann mit einem Kotau vor dem Kaiser, der doch bitte den Spöttern auf den Bühnen gnädig sein sollte, reichte über die große Kabarett-Ära der 20er Jahre mit Friedrich Hollaenders Texten und weiter über den abgedrehten Fernsehton, weil Wolfgang Neuss den TV-Oberen zu bissig war, bis zum heutigen politischen Kabarett, das in den Kellerbühnen gelandet ist.

„Das Kabarett war schon totgesagt, als es gerade geboren war, tatsächlich ist es noch immer eine quicklebendige Leiche“, sagt Kabarett-Historiker und Neuss-Biograf Volker Kühn. Das will auch das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz beweisen, das mit etlichen Veranstaltungen nicht nur das 110-er Jubiläum, sondern auch seinen eigenen 50. Geburtstag feiert.

Im Archiv, in wunderbaren Katakomben beheimatet, lagern unter anderem von Charlie Chaplin signierte Postkarten, das schrille Kleid der Chansonnette Helen Vita und 15 000 Plakate. „Hier wird Kabarettgeschichte lebendig gehalten“, sagt Leiter Jürgen Kessler – und hinter ihm schauen die Großen dieses Genres von der Wand: Werner Finck, Hanns Dieter Hüsch, Kurt Tucholsky...

In den weiß getünchten Gewölben kommt man ihnen noch ein wenig näher als draußen, wo sich die Sterne des „Walk of Fame der Satire“ übers Trottoir ziehen. Anlässlich des doppelten Jubiläums sollen hier weitere Künstler verewigt werden – über Namen hüllt sich Kessler allerdings noch in Schweigen. Und auch neue, einzigartige Materialien erwartet das Archiv, das jährlich rund 6 000 Besucher an seinen zwei Standorten in Mainz und im Schloss Bernburg in Sachsen-Anhalt zählt.

So überreicht Elke Heidenreich den Nachlass ihrer Kunstfigur Else Stratmann und schlüpft „ein letztes Mal“, wie Kessler betont, in die Rolle der schnoddrigen Metzgersgattin aus Wanne-Eickel. Zahlreiche Ausstellungen wie etwa eine zum Thema „Satire und Justiz“ oder auch Ende Oktober eine Geburtstagsparty begleiten das Jubiläumsjahr. Aber: Gibt es denn wirklich etwas zu feiern? Wie „quicklebendig“ ist die kabarettistische Leiche? „Es wird Kabarett so lange geben, wie sich die Welt dreht – aber es ist eher wieder in den Keller gezogen“, sagt Kühn. Das Massenpublikum ergötze sich dagegen an Comedy Marke Mario Barth oder Ingo Appelt. „Da geht es nicht mehr um Kunst, sondern nur um Kommerz“, beklagt Kessler. Mutig, nein mutig sei das nicht mehr.

„Kabarett ist doch nicht, wenn man sich über die Schweißflecken von Angela Merkel lustig macht, es geht doch um die Inhalte, darum, unversöhnt mit der Welt zu sein“, sagt auch Kühn. Und überhaupt, frei nach Tucholsky: Ein Kabarettist ist auch irgendwie ein Moralist. Dagegen seien das, was vor allem die privaten Fernsehsender anbieten, „Wohlfühlveranstaltungen“. „Mit dem Gestus des Kabarettmachens hat das nichts mehr zu tun“, sagt Kühn.

Wie er kann auch Kabarettarchiv-Leiter Kessler mit der aktuellen, nicht selten unter der Gürtellinie agierenden Comedy nichts anfangen: „Heute gehts um Kult und Quote, um Verletzung statt Entlarvung.“ Die Gründer des Kabaretts waren zwar anfangs auch noch zurückhaltend mit eben dieser Entlarvung gesellschaftlicher Missstände, schließlich gab es noch den Kaiser. Dennoch schossen die Kleinkunstbühnen nur so aus dem Boden – zwischen 1901 und 1902 entstanden laut Kessler allein in Berlin rund 40 Kabaretts. Die Geburtsstunde macht sich übrigens fest an der Eröffnung des ersten deutschen Kabaretts, des „Überbrettl“ von Ernst von Wolzogen am 18. Januar 1901 in Berlin.

Aber erst in der Weimarer Republik erlebte das politische Kabarett eine erste Blüte. Und mit Ende der Nazi-Diktatur konnte sich die kritische Kunstform nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik entfalten. Doch als mediales Zugpferd im Fernsehen war das politische Kabarett nicht erwünscht, berichtet Kühn und erinnert an diverse Eingriffe der Fernsehräte. Ein Grund: „Der breiten Masse wurde nicht zugetraut, kritisch zu denken.“ Und deshalb ist das, was heutzutage gemeinhin als Kabarett bezeichnet wird, um noch einmal Kessler zu zitieren, längst „keine revolutionäre Bewegung mehr, sondern eine kommerzielle Angelegenheit“.

Quelle: op-online.de

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