Quijote und Sancho Pansa des Theaters

Aus der Tiefe der Bühne kommen sie ans Licht, Claus Peymann gesetzten Schrittes, Hermann Beil etwas behender. Im richtigen Theaterleben sind die Rollen andersherum verteilt. Peymann ist Heißsporn und Maulheld. Beil, der als Chefdramaturg und zweiter Mann dem Theaterleiter seit 1974 in einer beispiellosen Arbeitspartnerschaft bis ans Berliner Ensemble gefolgt ist, kommt es zu, den Kollegen zu erden.

Es wird viel gelacht an diesem Sonntagvormittag im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels. Peymann und Beil gastieren mit dem Wälzer „Peymann von A–Z“. Die über 450 Seiten, die der Berliner Theaterkritiker Hans-Dieter Schütt – nur scheinlexikalisch – aus Briefen, Hausmitteilungen, Interviews und anderen Äußerungen mit einem stilsicheren kompositorischen Vermögen zusammengestellt hat, ergeben ein vergnüglich zu lesendes Stück Theatergeschichtsschreibung.

Naturgemäß ist es auch ein Buch über die medial inszenierten Skandale, wie jenen um die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ 1988 am Wiener Burgtheater. Über die Dokumentation von Theaterstürmen und -lüftchen, über Anekdoten und Histörchen hinaus handelt es sich aber vor allem um ein Buch über den Menschen Peymann und seinen Antrieb als Künstler.

1968, berichtet Peymann, am Tag der Uraufführung von Peter Handkes „Kaspar“ im Frankfurter Theater am Turm, habe man sich mittags bei der Kundgebung gegen die Notstandsgesetze in Bonn „mit den Bullen gekloppt“. Abends vorm Theater begehrten Demonstranten gegen die als bürgerlich gescholtene Kunst auf.

Der Rebell Peymann wurde mit den Jahren zum „Größten der Schnürböden“, wie ihn Thomas Bernhard einmal nannte. Manch ein Zeugnis schreibt ihm gar despotische Züge zu. Doch das Bild, das sich von Peymann in diesem wohlgeordneten Sammelsurium abzeichnet, ist nicht nur das des ungeschlachten Radikalen der verbalen Entäußerung. Dahinter ist auch der tief empfindende Mensch mit dünner Haut erkennbar, der alle Sorge um den unzulänglichen Zustand der Welt auf sich lädt. Peymann bekennt sich zum Märchen auf der Bühne, zur Posse, zur Ironie, Lachen und Poesie. Es war eine Komödie, die Peymann und Heil, Don Quijote und Sancho Pansa, in Frankfurt aufführten. Diese Zuordnung dürfte ihnen das höchste Kompliment sein.(zik)

Quelle: op-online.de

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