Quintett quirliger Quälgeister

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Stolzer Vater: Vincent (Christopher Krieg) zeigt Schwester Elisabeth (Madeleine Niesche), Freund Claude (Dirk Waanders) und Schwager Pierre (Thomas Peters, von links) das Ultraschallfoto seines noch ungeborenen Kindes.

Frankfurt - Es soll Menschen geben, die ihre Kinder Rumer, Tallulah Belle und Scout LaRue nennen. Von Markus Terharn

Dass es noch schlimmer geht, beweisen Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte im Erfolgsstück „Der Vorname“, mit dem das Fritz-Rémond-Theater Frankfurt einen Premierenknaller gelandet hat.

Über Athena und Adonas, so hat das Intellektuellenpaar Pierre und Elisabeth seine Sprösslinge getauft, lässt sich ja reden. Nicht hingegen über jenen Namen, den der zu schlechten Scherzen neigende Vincent für seinen Sohn ins Gespräch bringt. Und der hier nicht verraten sei, um einen tollen Gag nicht vorwegzunehmen. Nur dies: In französischer Fassung ziert er den Helden eines Romans von Benjamin Constant; in deutscher Schreibweise stirbt er seit 1945 praktisch aus.

Doch das ficht Vincent, „zu Gast bei guten Freunden“, so der Untertitel, nicht an. Zum Entsetzen seiner Pariser Vorstadtclique, seit 30 Jahren verkumpelt, bricht er dieses Tabu. Was er damit auslöst, ist Inhalt einer hochvergnüglichen Komödie mit tiefenpsychologischen Tönen.

Denn im Streit zeigen alle ihr wahres Gesicht. Als erster verliert Pierre die Fassung. Unter der Oberfläche des monothematisch auf Montaigne ausgerichteten Professors offenbaren sich Züge eines verklemmten Spießers. Thomas Peters spiegelt dieses Kippen sehr überzeugend.

Seine Frau Elisabeth, Vincents Schwester, muss öfter in die Küche. Dramaturgisch hat dies den Vorteil, dass sie stets weniger weiß als das Publikum, woraus die Handlung viel komisches Kapital zieht. Madeleine Niesche legt den stärksten Abgang hin.

Später dazugestoßen, weiß Vincents Gattin Anna nicht, was gespielt wird. Ihre Entrüstung, glaubhaft gemacht von Silvia Maleen, ist ehrlich.

Unter der Oberfläche des sexuell uneindeutigen Schöngeistes Claude verbirgt sich ein verblüffendes Geheimnis. Dirk Waanders bleibt seiner Figur trotzdem treu.

Die dankbarste Rolle, die des Zynikers Vincent, nutzt Christopher Krieg zu echten Kabinettstückchen. Von der erzählerischen Einleitung bis zur hübschen Schlussvolte ist er Dreh- und Angelpunkt im ausgewogenen Ensemble.

Alles erinnert an die Beziehungskisten Edward Albees oder Yasmina Rezas. In Bettina Neuhaus’ stilvoller Kulisse und Christine Glasners eleganten Kostümen führt Regisseur Frank-Lorenz Engel ein Quintett quirliger Quälgeister zu großen Leistungen.

‹ Bis 18. Mai am Fritz-Rémond-Theater Frankfurt im Zoo

Quelle: op-online.de

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