Brüder auf dem Weg zu sich selbst

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Lutz Aikele und Dieter Gring spielen ein ungleiches Brüderpaar, das auf Umwegen zueinander findet.

Frankfurt - Als Tom Cruise und Dustin Hoffman 1988 in „Rain Man“ das ungleiche Geschwisterpaar Charlie und Raymond Babbitt gaben, war Autismus plötzlich filmtauglich. Von Maren Cornils

Die Geschichte um den berechnenden Karrieristen und seinen autistischen Bruder brachte fertig, was selten gelingt – sie vereinte Komödie und Drama und näherte sich einem schwierigen Thema mit Sensibilität und Humor.

Dass „Rain Man“ auch als Theaterstück funktioniert und nichts von seinem Witz einbüßt, zeigt sich im jetzt im Frankfurter Fritz Rémond Theater bei der Premiere von Dan Gordons Bühnenstück in der Regie von Frank-Lorenz Engel.

Charlie Babbitt ist ein Kotzbrocken: Der Autohändler steht zwar vor der Pleite, doch gibt er den erfolgreichen Geschäftsmann, fädelt weiter zwielichtige Geschäfte ein und scheucht seine Angestellten herum. Als er kurz vor dem Wochenendtrip nach Barbados vom Tod seines Vaters erfährt, den er seit seinem 16. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, gilt sein erster Gedanke auch dem zu erwartenden stattlichen Nachlass.

Gratwanderung zwischen Komik und Drama

Dass er statt der sieben Millionen einen bislang unbekannten älteren Bruder „erbt“, tröstet ihn wenig. Zumal dieser Autist ist und in einem Heim betreut wird. Um irgendwie doch noch an sein Erbe zu kommen, packt er Raymond kurzerhand in sein Cabriolet. Der dieser „Entführung“ folgende Roadtrip ist gespickt mit Missgeschicken, schrägen Momenten und ansteckender Situationskomik.

Die Reise entpuppt sich als Gratwanderung zwischen Komik und Drama, denn Charlie hat für Rays Eigenheiten und seine Weltfremdheit wenig Verständnis. Vom mangelnden Einfühlungsvermögen einmal abgesehen. Erst allmählich gibt es eine so zarte wie zerbrechliche Annäherung, der am Ende fast so etwas wie die Läuterung des kleinen Bruders folgt.

Noch bis 8. April im Rémond-Theater Frankfurt. Karten unter Tel.:  069 435166.

Lutz Aikele gibt Charlie als Aufschneider mit großer Klappe und wenig Herz, dessen nette Freundin Susan so gar nicht zu ihm passen will. Dieter Gring als Raymond ist der sensible und weltfremde Bruder, dessen „Verrücktheit“ eine beeindruckende Weisheit innewohnt. Wenn sich Gring mit geistesabwesendem Gesichtsausdruck rhythmisch vor und zurück wiegt und dabei alle Rollen von „Dinner for one“ vor sich hin brabbelt, gehört das ebenso zu den Glanzleistungen wie Raymonds Auftritt im Schlafzimmer von Charlie und Susan (Natalie O’ Hara) oder seine Telefonbuch-Einlage im Airport-Diner. Dass Charlie und Raymond am Ende nicht mehr nur Fremde, sondern tatsächlich Brüder sind und dass jeder auf seine Art lernt, Gefühle zuzulassen, mag vorhersehbar sein. Humor und Spielfreude lohnen aber jede Minute. Brillante Darsteller in einem wandlungsfähigen Bühnenbild, Theater, wie es Spaß macht!

Quelle: op-online.de

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