Theater der Anspielungen

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Licht- und Farbenspiele: Katja Ladentin als Bianca und Sanja Anastasia als Lucretia in der Inszenierung von Freo Majer.

Mainz - Mit acht Sängern und 13 Instrumentalisten ist „The Rape of Lucretia“ die äußerlich konzentrierteste aller Opern von Benjamin Britten. Von Axel Zibulski

1946 im englischen Glyndebourne uraufgeführt, verhandelt das Stück auf das Libretto von Ronald Duncan nichts weniger als die Vergewaltigung der tugendhaften Römerin Lucretia durch den Etrusker Tarquinius. Von zwei Solisten, dem „Male Chorus“ und dem „Female Chorus“, lassen Britten und Duncan das fünf Jahrhunderte vor Christus spielende Geschehen kommentieren – aus christlicher Perspektive, in der Lucretia am Ende als Märtyrerin beschrieben wird.

In seiner Neuinszenierung von Brittens „Schändung der Lukretia“ am Staatstheater Mainz lässt Regisseur Freo Majer das Chorus-Paar überhaupt erst das Geschehen in Gang setzen, indem beide wie verspätete Gäste durchs Parkett des Kleinen Hauses eilen und vor der eigentlichen Oper Bühne und Personen von Folie entblättern: Eine distanzierende Perspektive, wie sie später nicht wieder aufgenommen wird, weil die beiden Choristen anstelle ihrer epischen Funktion gleichsam Rollen übernehmen, mitspielen.

Was geschieht, geschieht häufig in Anspielungen, Bildern des so sublimen Textes, in den Zitaten, Motiv-Verwandlungen, Farben von Brittens nicht weniger sublimer Musik. Das Umfeld von der „Hure Rom“ überhöht noch Lucretias Reinheit, die Tarquinius erst anstachelt. Lucretias Gatte, der Soldat Collatinus, betrachtet sie als unschuldig, dennoch tötet sie sich selbst: Das ist zu sehen, die Tat des Tarquinius nicht, weil wichtig ist, was davor, was danach passiert. Den Rahmen dafür hält Freo Majer fast provokant banal, indem etwa die um ein Wasserbassin gruppierten Bühnen-Möbel (Ausstattung: Raimund O. Voigt) brüsk Lucretias fein besungene Blumen-Metaphern abbilden. Majer, Schüler von Peter Konwitschny, hat insbesondere für den zweiten Teil der mit Pause gut zweistündigen Aufführung spürbar intensiv mit den Perso-nen gearbeitet, auch wenn er die christliche Reflexion in der Schluss-Passacaglia frontal aufsingen lässt.

Nächste Vorstellungen am 19. und 26. Oktober, 12. und 19. November

Zugleich bleibt in diesem bedrückenden, am Ende auch ernüchternden Musiktheater-Werk viel den Solisten überlassen, die in der Mainzer Inszenierung überwiegend jugendlich wirken, teils noch Mitglieder des Jungen Ensembles am Staatstheater sind. In der Titelpartie bietet der Mezzosopran von Sanja Anastasia Kraft, Dramatik, Passion, Patrick Pobeschin legt die Täter-Partie des Prinzen Tarquinius baritonal allerdings nicht weniger zwischentonreich aus. Als Collatinus blieb José Gallisa in der Premiere noch zu derb, die Höhen des „Male Chorus“ fordern den insgesamt zuverlässigen Tenor Alexander Kröner; den „Female Chorus“ singt Tatjana Charalgina schlicht souverän.

Mit den geschliffen, geschärft, meist präzise spielenden Mitgliedern des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz unterstreicht Dirigent Clemens Heil musikalisch intensiv, was Wolfgang Rihm einmal sagte, dass nämlich Kammeroper nicht „Operchen“ bedeutet: Dafür wirkt die vom Premierenpublikum einstimmig gefeierte Produktion auch viel zu beklemmend nach.

Quelle: op-online.de

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